Europäische Erfahrungen mit deutscher Besatzung 1939–1945

Von Tatjana Tönsmeyer

Was brachten deutsche Soldaten nicht für Köstlichkeiten aus dem besetzten Europa mit nach Hause: Kaffee, Likör und Seife aus Frankreich, Tabak aus Griechenland, Honig und Speck aus der besetzten Sowjetunion, Heringe aus Norwegen, Salami aus Ungarn. Daran gibt es in manchen deutschen Familien noch Erinnerungen – oder zumindest daran, wie davon erzählt wurde. Viel weniger bekannt ist dagegen, welche Auswirkungen Einkaufstouren und vor allem die systematische Ausbeutung der besetzten Volkswirtschaften für die Einheimischen hatten: Mangel und vielerorts auch Hunger waren die Folge. Der Volksmund fand daher treffende Bezeichnungen für die Besatzer: „Doryphores“ wurden sie in Frankreich und Belgien genannt – „Kartoffelkäfer“, „Hyänen“ in der Ukraine.

Berichte lassen anschaulich werden, was sich dahinter verbarg. So hielt ein Wehrmachtsbericht im Februar 1942 über die Versorgungslage im besetzten Griechenland fest: „Die Versorgung der Zivilbevölkerung ist[,] wie bereits wiederholt berichtet[,] vollkommen unzureichend. Ein Teil der Bevölkerung ist dadurch auf Betteln, Diebstahl usw. angewiesen oder muss einfach verhungern. […] Ein Gang durch die Stadt Athen genügt, sich von der furchtbaren Lage ein Bild zu machen. Die Fälle, dass Erwachsene und Kinder vor Entkräftung auf der Strasse [sic!] umfallen und nach kurzer Zeit sterben, häufen sich täglich. Wenn man berücksichtigt, dass von der Bevölkerung hiervon kaum noch Notiz genommen wird, so kommt hierdurch die allgemeine Versorgungslage am Besten zum Ausdruck.“

Wenig später, im Frühsommer 1942, notierte eine Frau im besetzten Smolensk in ihrem Tagebuch: „Schon um Mitternacht stellen sich die Menschen in Schlangen an. Sie warten dort die ganze Nacht hindurch, doch es gibt nie genug Brot. Der Monat vergeht und die Marken sind nicht mehr gültig. Es werden neue verteilt, aber wir benutzen sie als Klopapier. […] Auf dem Markt kostet ein Kilo Brot 2,50 Reichsmark, und die, die für die Deutschen arbeiten, verdienen 10 Reichsmark im Monat. Auf dem Markt wird alles für Mark verkauft. […] Der Markt ist ein trauriger Platz. Die Einwohner von Smolensk verkaufen ihren letzten Besitz. Brot sieht man selten. Es bilden sich enorme Schlangen, wo Menschen hoffen, dass sie Roggenbrot mit Kartoffeln oder verschimmelten Tomaten kaufen können.“

Auch in den Niederlanden hielt eine Frau im Februar 1945 fest, welche Auswirkungen die Mangelversorgung hatte: „Die Kinder von Lietie, Thea und Anneke, sind nur noch Haut und Knochen. […] Sie sind beide sehr gereizt, weil sie nicht genug zu essen bekommen. Von morgens bis abends fragen sie nach Brot und Kartoffeln, und ihre Mutter hat nicht genug davon. Und sie frieren immer, weil die Fensterscheiben bei den Kämpfen zu Bruch gegangen sind. Banning hat entschieden, dass es so nicht weitergehen kann und sie nach Naaldwijk mitgenommen. Er scheint dort noch Lebensmittel zu haben. Als die Kinder hörten, dass sie dort jeden Tag Kartoffeln bekommen, wollten sie gerne mit ihm mitgehen.“

Diese Beispiele und viele weitere zeigen: Wo die Wehrmacht einrückte, machte sich in ihrem Gefolge sehr schnell ein Mangel an Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem von Lebensmitteln, breit. Jenseits jener Gebiete der besetzten Sowjetunion, die einer expliziten Aushungerung unterworfen wurden, haben diese Zusammenhänge in der Forschung vor allem da Aufmerksamkeit erfahren, wo Hungerkrisen existenziell wurden, etwa in Griechenland oder im sogenannten Hungerwinter in den Niederlanden. Der Schwerpunkt lag, zumal im Hinblick auf die Sowjetunion, meist auf den deutschen Maßnahmen, weniger auf den Überlebensstrategien der Betroffenen. Zu fest verankert war lange die Vorstellung, dass es zu den Selbstverständlichkeiten zählte, dass militärische Auseinandersetzungen aus Feldern Schlachtfelder machten und den „ewigen“ Kreislauf aus Säen und Ernten genauso unterbrachen wie Marktverbindungen und Versorgungswege. Mangel, Unterversorgung und Hunger zählten daher zu den „klassischen“ Konsequenzen von Kampfhandlungen. Dies galt lange in einem Ausmaß als selbstevident, dass Fragen danach, wie Menschen unter Besatzung damit umgingen, kaum gestellt wurden.

Eine der Maßnahmen, die überall im besetzten Europa angewandt wurde, war die Rationierung von Lebensmitteln. Erwerben konnte man sie nun nur noch dann, wenn man über die dafür notwendigen Marken verfügte – und über die nötigen Geldmittel und sofern das gesuchte Produkt im Geschäft überhaupt vorhanden war. Zugleich bedeutete Rationierung Staffelung: nach Alter, nach Beschäftigung (mit höheren Rationen für „Schwer- und Schwerstarbeiter“), im Osten Europas auch nach rassistischen Kriterien – höhere Rationen für Volksdeutsche, niedrige Rationen für die jüdische Bevölkerung, die kaum mehr zum Überleben reichten (wenn sie nicht ganz aus der Versorgung ausgeschlossen wurden). Rationierungssysteme klassifizierten somit alle Menschen überall im besetzten Europa nach den rassistischen und utilitaristischen Kriterien der Besatzer.

Da aber über die Rationierungssysteme bestenfalls eine Grundversorgung organisiert werden konnte, mussten Menschen neue Wege gehen, um sich und ihre Angehörigen nicht verhungern zu lassen. Ersatzprodukte waren buchstäblich in ganz Europa in aller Munde, und auch der Schwarzmarkt – ebenso weitverbreitet wie wegen der hohen Preise verhasst – gehörte zusammen mit dem Tauschhandel zu den Versorgungspraktiken. Auch Armutsprostitution, belegt vor allem für Frauen, die Kinder zu ernähren hatten, aber auf dem Markt nur den eigenen Körper einsetzen konnten, ist überliefert. Vielfach ebenfalls in schwacher „Marktposition“ waren jüdische Menschen, die im Osten Europas angesichts ihrer niedrigen Rationen in besonderer Weise auf den Schwarzmarkt angewiesen waren, hier aber einem hohen Denunziationsrisiko unterlagen und von denen häufig besonders hohe Preise gefordert wurden.

Besatzung, das zeigt das Beispiel der Versorgung, griff daher als kriegsbedingte Fremdherrschaft gravierend in den Alltag von Menschen zwischen Nordnorwegen und den griechischen Mittelmeerinseln, zwischen der französischen Atlantikküste und Gebieten tief im Inneren der Sowjetunion ein. Auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung sprechen wir dabei von ungefähr 230 Millionen Menschen. Folgerichtig hat Tony Judt vom Zweiten Weltkrieg als einem „war of occupation“ gesprochen und zur Begründung nicht nur auf die exorbitant hohen Opferzahlen in der Zivilbevölkerung – Schätzungen sprechen von mindestens neunzehn Millionen, darunter sechs Millionen Tote der Shoah – hingewiesen, sondern auch auf die Tatsache, dass in der ehemaligen Sowjetunion, Ungarn, Polen, dem damaligen Jugoslawien, Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Norwegen die Zahl der zivilen Opfer die der militärischen weit übertraf (während in Deutschland und Großbritannien die militärischen Verluste überwogen).

Gravierende Auswirkungen hatte Besatzung jedoch nicht nur auf die Versorgung, sondern zum Beispiel auch auf den Wohnungsmarkt. Dieser brach, auch dies eine europäische Erfahrung, weitgehend zusammen. Ähnlich wie im Hinblick auf Versorgungsfragen lassen sich jedoch nicht nur europäische Ähnlichkeiten beschreiben, sondern es muss immer auch berücksichtigt werden, dass das nationalsozialistische Deutschland in Osteuropa einen weltanschaulich motivierten Vernichtungskrieg führte, vielfach auch in der Form des Urbizids: Städtische Bevölkerung, wie in Leningrad/St. Petersburg in besonderer Weise, wurde dem Verhungern preisgegeben; auch in Polen oder Belarus zielten deutsche Maßnahmen auf eine systematische Entstädterung, einschließlich der Zerstörung des kulturellen Erbes. Schätzungen sprechen für die Sowjetunion von 25 Millionen Menschen, die infolge der Kriegseinwirkungen obdachlos wurden. Darunter waren nach Zahlen der UNESCO allein 6,5 Millionen Kinder. Weitere 1,3 Millionen Kinder hatten auch in Frankreich kein Dach mehr über dem Kopf.

In Mitleidenschaft gezogen wurden auch sehr basale gesellschaftliche Institutionen wie die Familien: Besetzte Gesellschaften waren – weil die Männer der wehrfähigen Jahrgänge in großer Zahl eingezogen wurden, an den Fronten standen, gefallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren, später auch zur Zwangsarbeit herangezogen wurden – anders als zu Friedenszeiten Gesellschaften, in denen Frauen, Kinder, Jugendliche und alte Menschen dominierten. Zeitweise Familientrennungen oder gar endgültige Familienzerstörungen waren an der Tagesordnung. Es kam daher nicht von ungefähr, dass die Vereinten Nationen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 die besondere Schutzwürdigkeit von Familien festhielten. Weitere Bespiele, wie Besatzung in den Alltag der Besetzten eingriff, gibt es viele, darunter die Auswirkungen auf Geschlechterverhältnissen oder auf Arbeitsbedingungen.

All diese Erfahrungen waren für unsere europäischen Nachbarn prägend. In der deutschen Erinnerung haben sie jedoch bisher noch kaum einen Platz gefunden. Um der Vielfalt dieser Erfahrungen in ihren europäischen Gemeinsamkeiten gerecht zu werden und um die besondere Gewalt der Besatzer im östlichen Europa zu thematisieren, braucht es einen transnational ausgerichteten Gedenk- und Lernort, der auch die Erfahrungen jüdischer Männer, Frauen und Kinder einbeziehen muss. Denn wenn Letztere versuchten, Strategien zu entwickeln, um sich den deutschen Mordplänen zu entziehen, waren sie dabei in hohem Maße auf die örtliche nichtjüdische Bevölkerung angewiesen. Auch diese Zusammenhänge auszuleuchten wird Aufgabe eines transnational ausgerichteten Gedenk- und Lernorts zur Besatzung im Zweiten Weltkrieg sein müssen, um zu zeigen, dass die damit verbundenen Erlebnisse Teil eines europäischen Erfahrungsraums sind.

Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer ist Universitätsprofessorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal

Denkmal und Dokumentation: Erinnern durch Wissen

Von Winfried Nerdinger

Denkmäler sind Zeugnisse für das, was in einer bestimmten Zeit als wichtig galt erinnert zu werden, und sie sind ein Spiegel für die jeweiligen Vorstellungen, wie Erinnerung gestaltet werden kann und soll. Das größte und am meisten diskutierte Denkmal, das in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende in Deutschland entstand, war die von Konrad Adenauer angeregte „Friedland-Gedächtnisstätte“, die durch den „Verband der Heimkehrer“, der 1955 über 500.000 Mitglieder zählte, am Grenzdurchgangslager Friedland 1967 errichtet wurde. Die 28 Meter hohe vierteilige Betonskulptur diente zur Erinnerung an die „Heimkehr der Kriegsgefangenen und Zivilverschleppten als auch an die Aufnahme der Vertriebenen und Aussiedler“ und sollte – an der Grenze zur DDR auf einem Hügel platziert – das „Tor zur Freiheit“ signalisieren. Das Denkmal steht somit für Kriegsfolgethemen: Heimkehrer, Vertriebene und Teilung des Landes, und es ist ein Monument für Adenauers Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Die Ursachen für diese Themen, die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundenen Verbrechen, wurden nicht benannt. Die erklärenden Tafeln an den Betonwänden mit Zahlen bezüglich der Heimkehrer und Flüchtlinge lesen sich heute wie eine Demonstration der im Denkmal geradezu manifesten Verdrängungen der frühen Nachkriegszeit. Da Denkmäler immer einen retrospektiven Charakter haben, können sie auch als zeitspezifische Erfindungen von Geschichte betrachtet werden, und deshalb bedürfen sie einer Ergänzung durch historische Dokumentation.

Das erste Erinnerungszeichen an die NS-Zeit, das in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, im öffentlichen Raum aufgestellt wurde, war im August 1945 ein Straßenschild mit der Bezeichnung „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Dieses Schild stand 20 Jahre lang ohne weitere Erklärung an der Brienner Straße. Historische Bezugspunkte waren das daneben befindliche Schillerdenkmal, dem „Dichter der Freiheit“ gewidmet, wie Oberbürgermeister Karl Scharnagl, der die Aufstellung anordnete, vage bemerkte, sowie eine Blickbeziehung über die Brienner Straße hinweg zum etwa 100 Meter entfernten Wittelsbacher Palais, der ehemaligen Gestapozentrale. Die pauschale Widmung an „die Opfer“ kennzeichnet die nach Kriegsende allgemein akzeptierte Formel der Selbstviktimisierung: Opfer des Nationalsozialismus waren „die Deutschen“, jeder und niemand waren angesprochen. Nach 20 Jahren wurde das Straßenschild 1965 von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel durch einen Granitfindling ersetzt, der sich nun auf einer Verkehrsinsel befand. Die Inschrift blieb gleich, am Bewusstseinsstand hatte sich noch nicht viel geändert. Wie in München entstanden in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende überall in Deutschland ähnlich belanglose, buchstäblich nichtssagende Denkmäler mit ähnlichen Inschriften. Beachtung fanden sie wenig, sie dienten zumeist als obligate „Kranzabwurfstelle“ für Politiker. Das Münchner Denkmal wie auch die anderen vergleichbaren Monumente boten trotz der öffentlichen Dimension keine historischen Anknüpfungspunkte, es entstand keine „dialogische Qualität des Gedächtnisraums“ (Andreas Huyssen), denn es wurde nichts zu einem Dialog angeboten, sie blieben stumm – und genau das war wohl auch gewollt.

Am Ort der wirklichen Opfer, dem KZ-Friedhof Dachau-Leitenberg, sollte auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung im Sommer 1945 ein Denkmal errichtet werden. Beauftragt wurde ausgerechnet Georg W. Buchner, einer der Mitgestalter der Münchner NS-Festzüge. Als dies bekannt wurde, sollte Karl Knappe, der in der NS-Zeit seine Position an der Hochschule verloren hatte, das Denkmal planen, aber sein Entwurf mutete derart nach NS-Geist an, dass auch er nicht zur Ausführung kam. Auf dem Friedhof fand dann 1949 ein Davidstern Aufstellung, während das Lager, der eigentliche Ort des Leidens, ab 1948 als „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Vertriebene verwendet wurde. Anfang der 1960er-Jahre riss man die Baracken komplett ab, und 1965 entstand auf Initiative der Lagergemeinschaft eine Gedenkstätte mit Ausstellung, vor der 1967 das Denkmal des serbischen Künstlers Nandor Glid platziert wurde. Die authentischen Orte des Leidens verschwanden, und dafür sollte ein Kunstwerk emotionalen Ersatz bieten. Die Errichtung des Dachauer Denkmals, im gleichen Jahr, als die Friedland-Gedächtnisstätte eingeweiht wurde, signalisiert einen Wandel in der Erinnerungskultur. Das Leid der Opfer wurde nach den Einsatzgruppen- und Auschwitz-Prozessen endlich in den Blick genommen, aber das Denkmal von Nandor Glid steht auch stellvertretend für eine Flut weiterer ähnlich figurativ-abstrahierter Gestaltungen, die Stacheldraht, Gitter, zerbrochene Materialien und abgemagerte Körper als Angebote für Assoziationen der Betrachter präsentierten.

Es zeichnete sich damit das ab, was Henry Moore, der Juryvorsitzende beim Wettbewerb für ein Auschwitz-Denkmal, bereits 1957 geäußert hatte: dass nur ein Bildhauer vom Format eines Michelangelo oder Rodin der Aufgabe gewachsen wäre, einem Verbrechen „von einer derart ungeheuren Größenordnung“ ein angemessenes Format zu geben. Auch wenn es Pablo Picasso und Ossip Zadkine gelang, die Zerstörung von Guerníca und Rotterdam kongenial figürlich zu erfassen, und auch wenn Alfred Hrdlicka mit seinem Hamburger „Gegendenkmal“ ergreifende Skulpturen schuf, so werden doch letztlich bei allen Themen, die mit den Gräueltaten und Verbrechen während des NS-Zeit verbunden sind, die Grenzen des Darstellbaren erreicht. Angesichts der Dimension des Leids, auf das hingewiesen werden soll, wirkt die abstrakte Hilflosigkeit vieler Denkmäler vielfach nur verharmlosend und damit kontraproduktiv. Die beim Betrachter erweckten Emotionen bleiben selbstbezogen, gerade deshalb ist auch eine Information über die Fakten erforderlich.

Wenn im Land der Täter an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert werden soll, dann gilt als oberste Maxime, zu unterscheiden zwischen einem empathischen Gedenken und „Eingedenken“ (Walter Benjamin) der Opfer und einem von kritischer Reflexion geleiteten Erinnern an die Täter. Nur wenn diese Erinnerung auf Fakten basiert, kann sie zu einer rationalen Auseinandersetzung mit den Tätern und zur Erkenntnis der Ursachen für deren Taten führen. Diesem Ansatz stehen Emotionalisierung und Inszenierung diametral entgegen, denn damit wird die Geschichte instrumentalisiert und für Interessen in Dienst genommen. Inszenierungen sind immer interessengeleitete zeitspezifische Deutungen und zielen darauf, historische Themen „interessant“ und konsumierbar zu machen. Damit aber werden Ereignisse aus ihren komplexen Bedingungszusammenhängen herausgelöst und letztlich in die tägliche mediale Unterhaltung eingereiht, deren Aufmerksamkeits- und Reizwerte kontinuierlich erneuert werden, damit sie wirksam bleiben. Wer glaubt, die Vermittlung der Fakten über den Nationalsozialismus interessant und „aktuell“ machen zu müssen, begibt sich schon auf den Weg der medialen Affirmation und des Konsumierens.

Aus diesem Grund wurde am NS-Dokumentationszentrum München, genauso wie am Erinnerungsort „Topographie des Terrors“, jede Form von Inszenierung abgelehnt. Ziel der Dokumentation in München ist es, die Geschichte des Nationalsozialismus einsichtig zu machen, nur dann kann aus ihr gelernt werden. Einsicht basiert auf Wissen und auf der Kenntnis der Gründe. Deshalb stellt das NS-Dokumentationszentrum München Fragen und liefert Fakten zur Beantwortung. Nur Wissen um die Gründe und die historischen Zusammenhänge kann jenes von Theodor W. Adorno eingeforderte „helle Bewusstsein“ vermitteln, das „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ vermittelt und damit zu einem „Nie wieder“ führen kann. Lernen aus der Geschichte ist nur auf der Basis von Fakten möglich – und nicht durch emotionale oder inszenierte Übertragung von historischen Situationen auf gegenwärtige Probleme. Insbesondere dürfen die Opfer nicht auf eine pädagogische Funktion, beispielsweise als Lernobjekte für politisches Verhalten oder für eine Menschenrechtspädagogik, reduziert werden, sie würden sonst „nach ihrer Entwürdigung und physischen Vernichtung […] als Lernmaterial instrumentalisiert. Die Erinnerung geschieht um der Opfer selbst willen und nicht für irgendeinen anderen Zweck.“ (Hermann Düringer)

Beim obligaten Kunst-am-Bau-Wettbewerb zum NS-Dokumentationszentrum München verstanden es die Gewinner, Benjamin und Emanuel Heisenberg, mit dem Medienkunstwerk „Brienner 45“ sowohl auf die Geschichte des Ortes einzugehen, als auch die Erinnerungs- und Lernarbeit des Zentrums künstlerisch zu unterstützen. Die Medieninstallation präsentiert Texte aus der NS-Zeit, die über Bilddokumente visuell umgesetzt werden. Die historischen Fakten werden in die Bildwelt der Gegenwart transformiert, sie behalten ihre Gültigkeit und zielen auf eine „optische“ Erkenntnis. Dokumentation und Kunstwerk dienen somit beide auf ihre Weise der Aufklärung, um zu einem Lernen aus der Geschichte zu führen und die Funktion eines Erinnerungs- und Lernorts zur Geschichte des Nationalsozialismus zu erfüllen.

Prof. Dr. Winfried Nerdinger war von 1986 bis 2012 Extraordinarius für Architekturgeschichte und Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München sowie Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München, das er bis 2018 leitete.