Versöhnen, nicht spalten

Die Erinnerungskultur braucht eine europäische Perspektive und keine Nationalisierung des Gedenkens

Von Detlef Garbe

Im Vorfeld des Bundestagsbeschlusses vom 25. Juni 1999 zur Errichtung des „Holocaust-Mahnmals“ hatten sich Abgeordnete der Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP darauf verständigt, das Denkmal allein den ermordeten Juden zu widmen. Mit dieser Festlegung setzte sich die nach 20-jähriger gesellschaftlicher Debatte errungene Erkenntnis durch, dass es sich bei der Shoah um ein in seiner Monstrosität und Ungeheuerlichkeit singuläres Verbrechen gehandelt hat. Es habe sich mithin um ein, wie auch im zuvor geführten „Historikerstreit“ der 1990er-Jahre betont worden sei, unvergleichliches Menschheitsverbrechen gehandelt. Die deutsche Schuld an diesem staatlich organisierten und arbeitsteilig ausgeführten Genozid, am millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden, könne und dürfe nicht durch Verweise auf andere Völkermordverbrechen relativiert werden. Hieran wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier keinen Zweifel aufkommen lassen. Das von dem Förderkreis um Lea Rosh und Eberhard Jäckel geforderte Mahnmal sollte im Zentrum von Berlin, seit 1999 Sitz von Parlament und Regierung des vereinten Deutschland, ein unmissverständliches und unübersehbares Zeichen des Eingeständnisses der Schuld des nationalsozialistischen Deutschland für den Holocaust sein, ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Anders als 1996 bei der Proklamation des 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ durch Bundespräsident Roman Herzog, der hierbei eine Initiative von Ignatz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, aufgriff, war mit dem „Holocaust-Mahnmal“ kein alle Opfergruppen einschließender Ansatz gewählt. Um den Vorbehalten gegenüber dem exkludierenden Charakter des Mahnmals zu begegnen, legte schon der Beschluss des Bundestags zur Denkmalserrichtung fest, dass die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet bleibe, auch der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken. Dieser Gedanke fand entsprechend auch Eingang in das Gesetz zur Errichtung der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ vom 17. März 2000, das den Stiftungszweck des Baus und Betriebs des Denkmals im § 2 Absatz 3 erweiterte: „Die Stiftung trägt dazu bei, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und ihre Würdigung in geeigneter Weise sicherzustellen.“

Auch wenn damit keineswegs der Weg zu Denkmalen für andere Opfergruppen vorgezeichnet war, entstanden nach und nach unter dem Dach der Stiftung weitere durch den Bundestag beschlossene zentrale Erinnerungszeichen, gewissermaßen nationalstaatliche Monumente eines je gesonderten Opfergedenkens. In der Bundestagsdebatte vom 25. Juni 1999 hatte Norbert Lammert, der spätere Bundestagspräsident und damalige kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, vergeblich dafür gestritten, das Mahnmal den ermordeten Juden Europas und allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen zu widmen. Mit einer solchen Weitung der Widmung für das zentrale Mahnmal könnte vermieden werden, so führte Lammert aus, dass die Entscheidung „der Beginn einer Serie von Folgeentscheidungen für die Errichtung weiterer Denkmäler für andere Opfergruppen und damit verbundenen unvermeidlichen Auseinandersetzungen über Ort, Größe und Gestaltung“ werde (Plenarprotokoll 14/48, 4089).

Zu solchen Auseinandersetzungen ist es auch dank des umsichtigen Agierens der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Kommunikation mit den verschiedenen Opferverbänden nicht oder nur am Rande gekommen. Wirkmächtig waren sie jedenfalls nicht. Nach der Einweihung des von Peter Eisenman konzipierten Stelenfelds mit dem Ort der Information auf einer fast 20.000 qm großen Fläche der ehemaligen Ministergärten südlich des Brandenburger Tores im Mai 2005 folgten – dem Gewicht der jeweiligen politischen Unterstützung entsprechend – Bundestagsbeschlüsse zur Errichtung weiterer Denkmäler für nichtjüdische Opfergruppen. Zunächst entstand auf der dem Stelenfeld gegenüberliegenden Seite an der Ebertstraße 2008 das „Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“. 2012 folgte südlich des Reichstags im Tiergarten das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“. 2014 wurde am historischen Ort der Zentrale für die „T4-Aktion“, der Tiergartenstraße 4, in Nachbarschaft der Philharmonie der „Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ eingeweiht.

Schon die Denkmalsetzungen für die ermordeten Juden Europas und für die ermordeten Sinti und Roma sind so angelegt, dass Orte der Information bzw. Ausstellungsbereiche das jeweilige Denkmal ergänzen. Der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde ist in sich schon ein Hybrid aus Denkmal und Ausstellung. Noch deutlicher fiel der Schwerpunkt in Richtung Information bei einer weiteren Opfergruppe aus, deren Verfolgungsschicksal durch die Stiftung Denkmal bundesseitig eine Würdigung erfuhr. Die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz sprach sich für die Entwicklung einer Wanderausstellung aus, die anstelle eines statischen Denkmals in anderer Weise der 30.000 Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“ gedenkt, die nach Todesurteilen der Wehrmachtjustiz hingerichtet wurden. Die 2007 in Berlin eröffnete Ausstellung „Was damals Recht war … – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ wurde seither in 50 Städten gezeigt, dabei oft um lokale Besonderheiten und teilweise umfassende Begleitprogramme ergänzt. In Österreich trug die Ausstellung zur Aufhebung der Urteile und zur Anerkennung der Deserteure bei, in Luxemburg entfachte sie eine Debatte über die nach der Angliederung an das Reich zwangsweise in die Wehrmacht rekrutierten Soldaten. Im Februar 2020 hat der Bundestag beschlossen, auch zur Geschichte der von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten eine modulare Ausstellung erarbeiten zu lassen, „die historische Information und gedenkendes Erinnern verbindet“ (Drucksache 19/14342).

Gedenkorte für weitere größere – wie die Opfer der NS-Lebensraumpolitik – oder kleinere Opfergruppen – wie die Zeugen Jehovas – befinden sich in der Diskussion. Seit Langem werden auch Forderungen nach einem Mahnmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus erhoben. So erklärte der hoch angesehene Auschwitz-Überlebende und ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski am Tag nach der Einweihung des Denkmals für den NS-Völkermord an Sinti und Roma, dass nun auch ein Mahnmal in der deutschen Hauptstadt folgen müsse, das an die von Deutschen gegenüber den Polen geführte Vernichtungspolitik erinnere (Die Welt, 25.10.2012). Fünf Jahre später, im November 2017, forderte eine von dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen Florian Mausbach angeführte Initiative mit Unterstützung prominenter Befürworter wie Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse die Errichtung eines Denkmals zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung zwischen 1939 und 1945. Als Standort für das Denkmal wurde der Askanische Platz direkt gegenüber dem künftigen Dokumentationszentrum der vom Bund eingerichteten „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ vorgeschlagen. Zwei Jahre später, zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, berichtete die Presse, dass inzwischen 240 Abgeordnete aus allen Fraktionen im Bundestag (mit Ausnahme der AfD) den Aufruf unterstützen, ein Mahnmal für die polnischen NS-Opfer zu errichten. Die Süddeutsche Zeitung zitierte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der zu den Unterzeichnern gehört, mit den Worten: „Ein solches Denkmal wird dazu anregen, sich stärker mit dem polnischen Leid unter deutscher Besatzung und dem NS-Terror zu beschäftigen“ (SZ, 26.8.2017).

Hätten zu Beginn des Jahres 2020 nicht die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Vorbereitungen für die Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft überlagert, so wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass der Bundestag einem entsprechenden Antrag zur Errichtung eines „Polen-Denkmals“ gefolgt wäre. Nun aber wird erst einmal im Kulturausschuss beraten und dabei das Für und Wider abgewogen. Und dies ist sicher der bessere Weg, als unter dem Eindruck anstehender Jahrestage einen Beschluss zu fassen, der geschichtspolitisch eine Reihe von weiteren Denkmalsprojekten nach sich ziehen dürfte. Zwar wäre die Entscheidung für ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung 1939 bis 1945 für unsere polnischen Nachbarn ein Zeichen, dass die langjährige Ignoranz großer Teile der deutschen Bevölkerung und auch der Politik gegenüber der besonderen Leidensgeschichte Polens nunmehr ihr Ende finden soll. Tatsächlich dürfte eine solche Entscheidung vor dem Hintergrund eines in den zurückliegenden Jahren zunehmend angespannten polnisch-deutschen Verhältnisses und der Bedeutung Polens für die angeschlagene Europäische Union aber vor allem außenpolitisch motiviert sein.

Von den Befürwortern eines Polen-Denkmals wird darauf hingewiesen, dass die brutale Besatzungspolitik, die bereits kurz nach dem Überfall mit Massenerschießungen begann, deren Ziel die Versklavung der polnischen Bevölkerung war und die in der über fünfjährigen Besatzung annähernd sechs Millionen Opfer (einschließlich der polnischen Jüdinnen und Juden) forderte, in Deutschland bis heute viel zu wenig bekannt ist. Dies ist gewiss richtig und beklagenswert. Historisch-politische Aufklärung geschieht aber nicht durch Denkmäler. Sie sind Orte des Bekennens, nicht des Erkennens. Sie setzen Wissen um die Geschichte voraus.

Die deutsche Besatzung traf Polen besonders erbarmungslos. Aber eine lange brutale Besatzungszeit kannte auch die Tschechoslowakei, Massenerschießungen fanden auch in den baltischen Staaten, in Russland, in Belarus und der Ukraine statt, grausame Massaker gehörten im Westen und insbesondere im Südosten Europas zum Instrumentarium der deutschen Herrschaft. Schon melden sich Stimmen aus der Ukraine und Belarus, die Denkmäler für die Opfer aus diesen Ländern fordern, deren Blutzoll kaum geringer als der polnische war. Die bissige Vision von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen, der Ende der 1990er-Jahre eine „Gedenkmeile“ im Tiergarten heraufziehen sah, könnte nun also durch unterschiedliche nationale Erinnerungszeichen Wirklichkeit werden.

Sicherlich haben Denkmäler wichtige Wirkungen, doch beschränken sie sich im Wesentlichen auf den politischen Prozess ihrer Durchsetzung und ihren Manifestationswert, später dann auf das rituelle Gedenken, vornehmlich im Rahmen von Veranstaltungen und zu offiziellen Anlässen. Das persönliche Trauern sucht hingegen den konkreten Ort, an dem die Eltern, Groß- oder Urgroßeltern gelitten haben oder zu Tode kamen. Hierfür dienen Grabstätten und Gedenkstätten besser als hauptstädtische Denkmäler.

Gerade die Erfahrungen in den Gedenkstätten zeigen, dass Denkmäler zwar wichtig sind, das affektive wie das kognitive Lernen aber durch die Begegnung mit den historischen Spuren, in Ausstellungen und insbesondere in der Annäherung an Biografien erreicht wird. Auch die Gedenkstätten verfügen in der Regel über eine Vielzahl von kleinen Denkmalen, die einzelnen Opfergruppen und Häftlingsnationen gewidmet sind. Sicherlich spielen diese für die aus den jeweiligen Staaten anreisenden Besucherinnen und Besucher eine Rolle, sie suchen sie in der Regel auf. Zu berücksichtigen ist hierbei aber, dass in den KZ-Gedenkstätten zentrale, allen Opfern gemeinsam gewidmete Mahnmale errichtet worden sind. Ihre Entstehung ist vor allem dem Engagement der internationalen Lagerkomitees zu verdanken. Die zentralen Mahnmale grenzen die Gefahr der Segregation des Gedenkens ein. Die einzelne Gruppe, die jeweilige Nation wird als Teil eines gemeinsamen Opferkollektivs wahrgenommen. In der Regel legen ausländische Besucherinnen und Besucher deshalb zweimal Blumen nieder, am Stein oder Denkmal für die jeweilige Nation und am internationalen Mahnmal.

Es kommt deshalb wesentlich darauf an, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus das Verbindende und die Kontexte herauszustellen, zum Beispiel die gemeinsame Erfahrung, Opfer eines rassistisch geprägten Eroberungs- und Raubkriegs und einer durch die nationalsozialistische Herrenmenschenideologie bestimmten Besatzungsherrschaft geworden zu sein. Gewiss unterschieden sich die jeweiligen Verhältnisse, machte es beispielsweise einen gewichtigen Unterschied, inwieweit es der Besatzungsverwaltung gelang, sich auf Verbündete und Kollaborateure stützen zu können. Überhaupt waren die Strukturen der Besatzung mannigfaltig. Es gab keinen Masterplan, vieles war situativ, je nach Land, selbst nach Region und Stadt unterschiedlich. So wie letztlich jedes einzelne Opferschicksal besonders war. Erst in der Gesamtschau fügen sich die individuellen Bilder und die regionalen Spezifika zu einem Ganzen. Für die Betrachtung der deutschen Besatzungsherrschaft und ihrer Opfer ist die gesamteuropäische Perspektive deshalb unverzichtbar.

Der nunmehr vom Deutschen Polen-Institut und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam eingebrachte Vorschlag, Formen des symbolischen Gedenkens mit einem Dokumentations- und Bildungszentrum zu verbinden, weist in die richtige Richtung. Ein Denkmal, das den Überfall auf Polen als Beginn des Zweiten Weltkriegs (zumindest auf dem europäischen Kriegsschauplatz) zum Ausgangspunkt hat, dann aber durch mehrsprachige Widmungen in den Sprachen der besetzten Länder auch eigene Annäherungen an ein Denkmal ermöglicht, wäre ein gemeinsames Erinnerungszeichen mit vielfältigen Zugängen. Auch ein Dokumentationszentrum mit einer mehrsprachigen Ausstellung, die in ihren übergreifenden Teilen die historischen Kontexte herausstellt und in deren Zentrum ähnlich strukturierte Länderkapitel stehen, die idealerweise in Kooperation mit Forschungseinrichtungen oder Museen aus den jeweiligen Staaten entwickelt werden, könnte trotz oder sogar wegen der gebotenen Differenzierungen die Verbindungslinien ziehen, anstatt nationalstaatliche Abgrenzungen zu befördern. Die Ergänzung um eine Bildungsstätte mit berufsbezogenen internationalen Begegnungsprogrammen würde Voraussetzungen dafür schaffen, die Erfahrungen des in weiten Teilen durch Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus, durch Krieg und Unterwerfung bestimmten 20. Jahrhunderts für das historische Lernen im 21. Jahrhundert nutzbar zu machen und gemeinsame europäische Perspektiven zu entwickeln.

Die Begrenzung auf ein alleiniges „Denkmal für die polnische Opfer“ dürfte hingegen die geschichtspolitischen Deutungskämpfe und die ohnehin starken Tendenzen zur Renationalisierung des Gedenkens noch weiter stärken. Es ist zudem abzusehen, dass weitere Denkmale für nationale Opfergruppen folgen werden. Der Anspruch auf ein Denkmal im Zentrum Berlins für die acht Millionen ukrainischen NS-Opfer (einschließlich der ukrainischen Jüdinnen und Juden) ist bereits angemeldet worden; Botschafter Andrij Melnyk erklärte dazu am 8. Mai 2020: „Von nun an werden wir nicht mehr bitten, sondern fordern, dass diese ukrainischen Opfer des deutschen Versklavungskrieges endlich würdig geehrt werden“ (Deutschlandfunk, 8.5.2020).

Die oft gerühmte bundesdeutsche Erinnerungskultur darf eine „Renationalisierung“ der Geschichtsbilder und Opferkonkurrenzen nicht befördern. Sie muss der Aufklärung verpflichtet bleiben, sie muss versöhnen, nicht spalten. Und der Maxime folgen, dass allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen unser Gedenken gilt. Das sind die Deutschen von heute den Opfern der damaligen Deutschen schuldig.

Prof. Dr. Detlef Garbe ist Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und war zuvor Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Dokumentieren, Lernen und Gedenken

Von Elke Gryglewski

Wenn man den Sinn eines Ortes für symbolisches Gedenken, für die Dokumentation der Ereignisse und für Bildungsangebote zur deutschen Besatzung in Europa diskutiert, sollte man einen größeren Kontext berücksichtigen.

Zunächst findet die Diskussion vor dem Hintergrund des Umgangs mit den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen statt, der sich durch viele Ambivalenzen auszeichnet. Einerseits gibt es das Bekenntnis einer politischen Mehrheit, die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ein Bekenntnis, das sich neben mündlichen Bekundungen bei Gedenktagen, in der materiellen Unterstützung zahlreicher Gedenkstätten und Gedenkinitiativen manifestiert. Andererseits werden Stimmen lauter, die eine Kehrtwende im Erinnerungsdiskurs fordern oder die Verbrechen der Nationalsozialisten relativieren und leugnen. Obwohl der vorgeschlagene Ort eine wichtige Antwort auf solche geschichtsrevisionistischen Vorstöße ist, soll hier jedoch nicht weiter darauf eingegangen werden, denn auch ohne sie ist die Situation komplex.

Angesichts der größer werdenden Distanz zu den historischen Ereignissen besteht eine wachsende Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Forschung zu den regionalen und personellen Gegebenheiten in den unterschiedlichen europäischen Ländern bei der Umsetzung der Besatzungs- und Völkermordpolitik und dem Wissen um die Vergangenheit in der sogenannten normalen Bevölkerung. Hier fehlt – in unterschiedlichem Maße – oft nicht nur das Verständnis für die Dimension der Verbrechen. Mehr noch, der Mord an Jüdinnen und Juden steht, zugespitzt formuliert, vielfach wie eine Formel für etwas, das mit assoziativen Bildern oder Metaphern – Vergasen, Konzentrationslager, Hitler oder Gelber Stern – in Verbindung gebracht wird. Dass es eine Ungleichzeitigkeit der Verfolgungsmaßnahmen in West- und Osteuropa gab, dass die Härte der Maßnahmen u. a. abhing von der „rassistischen Bewertung“ einer Bevölkerung oder dass die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden eingebettet war in ein europaweites System geopolitischer Strategien und völkischen Machtdenkens, von Besatzung, Verschleppung, Zwangsarbeit und Mord anderer Gruppen – das gehört häufig nicht zum Wissenshorizont. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt dies jedoch wesentlich an der immer geringer werdenden Zeit, die im Geschichtsunterricht dem Thema Nationalsozialismus gewidmet werden kann. Und es liegt an der bleibend „nationalen“ Perspektive bei der Vermittlung der Geschichte. Während einerseits von der europäischen oder sogar globalen Dimension des Nationalsozialismus gesprochen wird, präsentieren Schulbücher sie – entgegen den Empfehlungen mehrerer binationaler Schulbuchkommissionen – aus einem vornehmlich deutschen nichtjüdischen Blick.

Auch besteht eine Diskrepanz in der Berichterstattung zu unterschiedlichen Gedenktagen. Während der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz einen großen Raum einnimmt, gibt es keine, oder nur seltene, Berichte zu Befreiungstagen anderer Konzentrations- und Todeslager in Europa oder zu Gedenktagen an die in den unterschiedlichen Ländern verübten Massaker.

Das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz ist von zentraler Bedeutung und muss es weiterhin bleiben. Gleichzeitig ist es jedoch sinnvoll, auch von anderen Orten zu berichten, um neben dem Symbol für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden weitere Verbrechensorte konkret werden zu lassen und – vor allem – um ein geografisches Verständnis für die Ausbreitung deutscher Gewaltherrschaft zu schaffen.

Soll das politische Bekenntnis auch gesellschaftlich getragen sein, bedarf es unterschiedlicher Institutionen und Maßnahmen, die an eine große Bandbreite spezifischer Ereignisse erinnern und gleichzeitig das Fundament für das Erinnern – das Wissen um die Ereignisse – pflegen und ausbauen. Dabei kommt den Gedenkstätten, Denkmälern und den historischen Museen eine wichtige Rolle zu. Durch ihre Arbeit, ihre Ausstellungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote beeinflussen sie den Diskurs und die mediale Berichterstattung. Gleichzeitig verankern sie die Erinnerung gesellschaftlich durch ihre physische Präsenz. Der Wille, sich die Vergangenheit über den Besuch historischer Orte zu erschließen, ist bei vielen Menschen vorhanden. Das zeigen die steigenden Besucherzahlen in allen NS-Gedenkstätten und Denkorten zum Nationalsozialismus.

Dass im Rahmen von gelungenen Bildungsveranstaltungen und Projekten der Gedenkstätten ein vertieftes und differenziertes Wissen erwachsen und eine weitere Motivation zur Beschäftigung entstehen können, bestätigen unzählige Broschüren, Websites und Theaterstücke sowie Befragungen derjenigen, die sich lange im Themenfeld engagieren. Zum Gelingen einer Veranstaltung trägt oft die konkrete Geschichte des Ortes bei. Man beschäftigt sich nicht irgendwo mit der Geschichte, sondern nimmt Ereignisse auch auf der Meta-Ebene wahr. Es ist für viele etwas Besonderes, an dem Ort zu sein, an dem sich die erzählte Geschichte zugetragen hat. Die Spuren der Baracken zu sehen, in denen Häftlinge untergebracht waren, und gleichzeitig Informationen zum Repressionssystem zu hören, ist etwas grundsätzlich anderes, als die gleichen Informationen in einem Lehrbuch zu lesen. An dem Ort zu sein, an dem im Januar 1942 eine Besprechung zur Organisation des systematischen Massenmords von elf Millionen Jüdinnen und Juden stattfand, ist beim Zuhören für viele Besucherinnen und Besucher von großer Bedeutung. Und selbst an einem geschaffenen Ort, wie dem Denkmal für die ermordeten Juden, verbindet sich die Geschichte der Verfolgung mit der Geschichte der Auseinandersetzung um den Ort und führt so bei den Zielgruppen zu einer anderen Aufmerksamkeit. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätten ist bewusst, dass nicht jedes im Rahmen eines Bildungsangebots präsentierte Detail im Gedächtnis der Gäste haften bleibt. Doch zeigen Umfragen, dass viele die Besuche dieser Orte nicht nur als gewinnbringend betrachten, sondern auch für grundsätzlich wichtig erachten.

Aufgrund all dieser Überlegungen handelt es sich bei dem angedachten Ort zur Erinnerung an die Besatzungsherrschaft in ganz Europa in Gestalt eines Dokumentationszentrums um eine sinnvolle Ergänzung der Berliner und deutschen Gedenkstättenlandschaft. Mit seinen drei geplanten Elementen würde er eine nachhaltige Beschäftigung mit der Geschichte ermöglichen. Durch die Darstellung der deutschen Besatzung in unterschiedlichen Ländern werden die Besucher sich an einem Ort mit vielfältigen Opfergruppen, Tatkomplexen und Tätergruppen befassen und die europäische Dimension der Geschichte wahrnehmen können. Anders als in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo die Perspektive wesentlich auf die Verbrechen der Verwaltung bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden gerichtet ist, oder dem Denkmal für die ermordeten Juden, wo die Schicksale verfolgter jüdischer Familien aus Europa im Zentrum stehen, wird das Gewicht hier auf der Besatzung europäischer Länder liegen. Dadurch kann ein Bewusstsein geschaffen werden für die andauernden Verletzungen und die bleibenden Verunsicherungen vieler europäischer Gesellschaften im Umgang mit einer vermeintlich oder real zu selbstbewusst auftretenden deutschen Bevölkerung.

Die Erzählung der Entstehungsgeschichte wird ebenfalls eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen, weil dabei gleichzeitig auf den komplexen Weg des Umgangs mit der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte eingegangen werden muss. Am Denkmal, das auf das Dokumentationszentrum verweist werden Einzelgäste und Gruppen, die nach dem Erfahrenen und Gelernten der Opfer gedenken wollen, einen Ort für Zeremonien finden. So trägt schließlich auch dieses Element zur gelungenen Verbindung zwischen Dokumentieren, Lernen und Gedenken bei.

Dr. Elke Gryglewski ist stellvertretende Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Massengräber des Holocaust in der Ukraine – gedenken, schützen, erforschen

Von Svetlana Burmistr und Uwe Neumärker

Die Ukraine hatte in den Jahren 1941 bis 1944/45 über fünf Millionen Opfer zu beklagen – mindestens 3,5 Millionen jüdische und nichtjüdische Zivilisten, darunter etwa auch 30 000 Roma, und bis zu 1,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene. Von den 2,8 Millionen nach Deutschland verschleppten sowjetischen Zwangsarbeitern, zumeist Frauen, stammte mehr als die Hälfte aus der Ukraine. Zahlreiche Dörfer wurden verbrannt, Städte zerstört. Die derzeitige Geschichtserzählung dominiert der „Holodomor“, die Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 mit mindestens 3,5 Millionen Toten. Holocaust und Holodomor – allein sprachlich drängt sich ein Vergleich oder gar eine Gleichsetzung auf. Wie gedenkt man beider „nationaler Tragödien“ und ihrer Opfer, ohne Konkurrenz und Hierarchien zu schaffen? Eine der vielen Fragen, die offener und breiter öffentlicher Diskussionen bedarf.

Die ukrainische Erinnerung an die ermordeten jüdischen Nachbarn ist einerseits mit der Auseinandersetzung über deren Schicksal und andererseits mit der Frage nach der eigenen Beteiligung am Massenmord verbunden. Gleichzeitig müssen generationsübergreifende Traumatisierungen der ukrainischen Gesellschaft individuell und kollektiv verarbeitet werden. Eine staatliche Erinnerungs- und Gedenkpolitik, die bei der Bewältigung der Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkrieges hilfreich sein könnte, fehlt bislang.

Über 1,5 Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ermordet. Über eine Million von ihnen fiel Massenerschießungen zum Opfer – meist in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes, vor den Augen ihrer Familien und Nachbarn. Deutsche Einheiten der Wehrmacht, SS und Polizei unter Beteiligung einheimischer Hilfswilliger löschten jahrhundertealte jüdische Gemeinden oft innerhalb weniger Stunden oder Tage aus. Als Orte für ihre Verbrechen wählten die Täter abgelegene Schluchten und Wälder, ehemalige Panzergräben, Sandgruben und Tierfriedhöfe aus – oder zwangen die Opfer dazu, mitten auf Feldern ihre Gräber selbst auszuheben.

Meist wurden zuerst die Männer in kleinen Gruppen erschossen, dann Frauen und Kinder. Immer wieder berichten Zeugen vom Leid der jüdischen Menschen: von Kindern, die vor den Augen ihrer Eltern ermordet oder lebendig in die Gruben geworfen wurden, von Frauen und ihren Säuglingen, von alten und gebrechlichen Menschen, die von Angehörigen zum Grab getragen wurden, von jungen Frauen und Mädchen, die vor ihrem Tod, oftmals tagelang in der Gefangenschaft, gedemütigt und vergewaltigt wurden, vom Abschied der Opfer voneinander, von Gebeten und Verzweiflungsschreien. Diese Stimmen sind verstummt. Den wenigen, die auf wundersame Weise überleben konnten, haben sich die letzten Worte und Augenblicke ihrer Liebsten fest ins Gedächtnis eingebrannt.

Schätzungsweise über 2000 solcher Erschießungsstätten befinden sich allein auf ukrainischem Boden. Viele sind nach Kriegsende in Vergessenheit geraten. Für die wenigen Überlebenden musste das Gedenken an ihre ermordeten Familienangehörigen, Freunde und Bekannten privat bleiben. Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung ließ keine Benennung einzelner Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges zu. Wenn auf Initiative jüdischer Überlebender und Rückkehrer bescheidene Gedenksteine aufgestellt werden durften, mussten sie „friedlichen sowjetischen Bürgern“ gewidmet werden. Erst seit den 1990er-Jahren wurden in der dann unabhängigen Ukraine vielerorts Gedenksteine errichtet, die auf die jüdische Herkunft der Opfer hinweisen.

Die riesigen Opferzahlen und die Vielzahl der Orte und Gruben der Massenerschießungen, die über das ganze Land verteilt sind, kennzeichnen die Besatzungsherrschaft und den Holocaust in der Ukraine. Das Land grenzt heute im Westen an die Europäische Union, im Osten muss es sich in einem von Russland aufgezwungenen Krieg verteidigen. Nicht nur in Deutschland, dem Land, das den Vernichtungskrieg im Osten führte, sind die Dimensionen, Ereignisse und Folgen des „Holocaust durch Kugeln“ in der Ukraine kaum bekannt. Daran hat die Tätigkeit des französischen Priesters Patrick Desbois und seiner Organisation „Yahad In Unum“ einiges, aber nichts Grundlegendes geändert. Lediglich einzelne Orte der Verbrechen – wie Babyn Jar in Kiew, Lemberg, Kamenez-Podolsk oder Mizocz – und die dort ermordeten, meist namenlosen Opfer gelangten dank der Forschung, durch Ausstellungen und Presseberichterstattung langsam ins öffentliche Bewusstsein. Doch allein die Namen der Tatorte sind den meisten Westeuropäern völlig fremd und damit letztlich austauschbar, sie sind als Folge des Kalten Krieges und vor allem durch Desinteresse in weite Ferne gerückt.

Die Situation vor Ort offenbart die Gleichzeitigkeit von Erinnern und Vergessen. Durch die Massengräber, deren Lage über Generationen bekannt blieb, ist der Holocaust nach wie vor im Bewusstsein. Dennoch sind die lokalen Narrative sehr bruchstückhaft. Einzelne Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten, an die erinnert wird, bilden Puzzleteile, ergeben aber kein Gesamtbild. Die Spuren der jüdischen Gemeinden und der Schtetl verschwinden allmählich: verlassene, überwucherte, oft als Müllhalde genutzte jüdische Friedhöfe, umfunktionierte oder leerstehende Gebäude der ehemaligen Synagogen, Gebetshäuser und jüdischen Schulen. In kleineren Orten wohnen heute oft keine oder nur noch einzelne jüdische Personen oder Familien. Lediglich in größeren Städten gibt es noch – oder wieder – lebendige jüdische Gemeinden. Sie halten das Gedenken wach und pflegen die Gräber im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten.

Berdytschiw – Gewalträume in einer ukrainischen Stadt

Berdytschiw steht – sowohl was das Schicksal seiner jüdischen Einwohner als auch den Zustand der Massengräber des Holocaust angeht – exemplarisch für zahlreiche Orte in der Ukraine. Juden lebten seit dem späten 16. Jahrhundert in Berdytschiw und prägten das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt. Neben Ukrainern, Polen und Russen bildeten sie im Jahr 1897 rund 80 Prozent der Einwohnerschaft. Berdytschiw entwickelte sich zu einem der größten jüdischen Kulturzentren Europas. Die Sowjetmacht förderte zunächst die proletarische jüdische Kultur und die jiddische Sprache, schloss aber gleichzeitig religiöse Einrichtungen. Viele Juden, ebenso wie Ukrainer und andere Nationalitäten, fielen dem Holodomor und später Stalins Terror zum Opfer. 1939 lebten noch etwas mehr als 23.000 Juden in Berdytschiw.

Die Verfolgung, Erniedrigung, Ausgrenzung und Ermordung der Juden in Berdytschiw begann in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch am 7. Juli 1941 und endete erst mit der Rückeroberung der Stadt durch die Rote Armee Anfang Januar 1944. Im August 1941 musste zum Beispiel eine Gruppe von jüdischen Frauen durch den Fluss Hnilopiat schwimmen, bis sie ertranken. Das Einsatzkommando 5 führte Erschießungen, oft verbunden mit vorhergehender Erniedrigung der Opfer, durch. Die Wehrmacht zwang die Juden zur Kennzeichnung an der Kleidung und zum Umzug in ein Ghetto, das eine Sammelstelle vor Massenexekutionen bildete.

Am 28. August 1941 wurden im Innenhof des Karmelitenklosters 960 Männer, darunter jüdische Soldaten aus dem Kriegsgefangenenlager und angesehene jüdische Persönlichkeiten der Stadt, erschossen. In der Nähe des Dorfes Chashyn südwestlich von Berdytschiw verübten Polizei- und SS-Einheiten immer wieder Massenerschießungen. Allein am 4. September 1941 wurden hier laut einem Dokument der SS 1303 Juden – vor allem junge Menschen, zwei Drittel davon Frauen – erschossen. Dieser Ort wurde für weitere Erschießungen von Juden, und wahrscheinlich auch von sowjetischen Kriegsgefangenen, genutzt.

Die größte Massenerschießung der einheimischen Juden fand am 15. September 1941 statt. Das Sonderkommando 5 der Einsatzgruppe C, das 45. Reserve-Polizeibataillon, SS und einheimische Polizeikräfte trieben die Juden aus dem Ghetto auf dem Marktplatz zusammen. Einige hundert Handwerker durften mit ihren Familien zunächst ins Ghetto zurückkehren. Alle anderen – etwa 12.000 Kinder, Frauen und Männer – wurden an verschiedenen Stellen auf dem Gelände des Flugplatzes in vorbereiteten Gruben ermordet.

Am 3. November 1941 wurden die zurückgestellten Handwerker und ihre Familien zusammen mit Juden, die man in Berdytschiw oder der Umgebung in Verstecken ausfindig gemacht hatte – zwischen 2000 und 3000 Menschen – in der Nähe des Flugplatzes, beim Dorf Sokulino (heute Dorf Mirne), ermordet. Am 27. April 1942 fielen etwa 70 jüdische Frauen und ihre Kinder aus gemischten Ehen an einem unbekannten Ort dem Terror zum Opfer.

Im Sommer 1942 löste die deutsche Besatzungsverwaltung das Zwangsarbeitslager am „Kahlen Berg“ („Lysa hora“) auf, die aus Berdytschiw und umliegenden Ortschaften stammenden jüdischen Arbeiter wurden erschossen. Im November 1943 rückte die Rote Armee immer näher. Die deutschen Truppen mussten die Stadt verlassen und erschossen vor ihrem Abzug die letzten Juden der Stadt, Häftlinge im SD-Gefängnis. Nur 15 jüdische Überlebende sind namentlich bekannt, die sich beim Einmarsch der Roten Armee Anfang Januar 1944 in Berdytschiw aufhielten.

Nach Angaben der Außerordentlichen Staatlichen Untersuchungskommission, die noch unter den Bedingungen des Krieges und in einem verwüsteten Land im November 1942  ihre Arbeit aufnahm und im April 1944 die Gräber in Berdytschiw untersuchte, wurden während der deutschen Besatzung der Stadt insgesamt 38.536 Personen ermordet, neben etwa 30.000 Juden mehrere Tausend sowjetische Kriegsgefangene sowie vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner.

Nach der Befreiung und der Rückkehr einiger Überlebender bemühte sich die jüdische Gemeinde um einen Neuanfang, um den Aufbau zerstörter Synagogen und um Hilfe für bedürftige Glaubensgenossen. Der Staat bekämpfte diese Aktivitäten und warf ihr „Verletzung sowjetischer Gesetze“ vor. Anfang der 1960er-Jahre nahmen die sowjetischen Behörden die sinkende Anzahl der Juden zum Vorwand, der Gemeinde die Choral-Synagoge wegzunehmen. Darin wurde eine Handschuhfabrik untergebracht. Heute steht das Gebäude im Privatbesitz leer.

Bereits 1946 führten Juden neben den Massenerschießungsgruben eine der ersten Gedenkkundgebungen zur Erinnerung an die „Opfer des Faschismus“ in der Sowjetunion durch. Am Flughafengelände wurde aus Spendengeldern 1953 ein Gedenkstein aufgestellt und sofort wieder demontiert; er galt über Jahrzehnte als verschwunden. Heute steht er auf dem jüdischen Friedhof. Erst 1983 konnten die jüdischen Einwohner Berdytschiws in der Nähe des Flugplatzes ein Denkmal mit Angabe der Anzahl der Opfer sowie erste Gedenksteine an weiteren Massengräbern aufstellen. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine wurde es möglich, neue Erinnerungszeichen mit der Nennung der jüdischen Herkunft der Opfer zu errichten. 2015 eröffnete ein kleines Museum des Judentums in der Stadt Berdytschiw.

2019 konnte am zentralen Holocaust-Gedenkort, am Gelände des ehemaligen Ghettos, eine Freiluftausstellung der Öffentlichkeit übergeben werden. Sie entstand in enger deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“. Fünf Tafeln informieren in ukrainischer, hebräischer und englischer Sprache über die jüdische Geschichte der Stadt und den Holocaust. Anhand einer Karte bekommen Besucher einen Überblick über die Lage von insgesamt acht großen Massengräbern, die sich in Berdytschiw oder Umgebung befinden.

Die Vielzahl der Massengräber in Berdytschiw zeugt heute noch von der Dimension der deutschen Verbrechen zwischen 1941 und 1944. Die meisten Gräber bieten einen trostlosen Anblick. Berdytschiw kann als beispielhaft gelten: Während das Massengrab auf dem Gelände des Klosters in der Ortsmitte als Gedenkstätte gestaltet ist, sind die Gräber außerhalb der Stadt verwahrlost, unmarkiert und ungeschützt. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde kümmert sich um sie, seine Möglichkeiten sind jedoch beschränkt und das Ausmaß der notwendigen Arbeiten ist enorm. Regelmäßig werden die Gräber geschändet, auf der Suche nach vermeintlich versteckten Wertgegenständen der Ermordeten zerstört und geschändet: Knochen, Schädelteile, Haarbündel und Kleidungsfetzen liegen frei. In Chazhyn bei Berdytschiw, einem der Massenvernichtungsorte, sieht die Situation seit Sommer 2019 anders aus. Im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“ wurde das Massengrab als ein würdiger Gedenkort gestaltet.

„Erinnerung bewahren“

Im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten Projekts „Protecting Memory“ (unter der Leitung des American Jewish Committee Berlin) und „Erinnerung bewahren“ (ab 2016 unter dem Dach der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) wurden zwischen 2010 und Ende 2019 insgesamt 20 besonders bedrohte Massengräber ermordeter Juden und Roma als würdige Gedenk- und Informationsorte eingerichtet. Intensive historische und pädagogische Arbeit begleitete das Projekt. Die Anteilnahme der einheimischen Bevölkerung an den Einweihungszeremonien war beachtlich. Auch wenn die Anzahl der errichteten Gedenkorte angesichts der Gesamtzahl der Massengräber verschwindend gering erscheint, kommt dieser Arbeit zentrale Bedeutung zu. Sie verdeutlicht, dass Schutz und würdiges Gedenken an solchen Orten möglich sind. Durch die enge Einbeziehung der lokalen Gemeinden und Schulen werden Wege eröffnet, die Erinnerung an die ermordeten Juden und Roma wachzuhalten und ihre  Geschichte als Teil der ukrainischen Nationalgeschichte zu begreifen.

Dr. Svetlana Burmistr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „NETZWERK ERINNERUNG – CONNECTING MEMORY – МЕРЕЖА ПАМ’ЯТІ“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Uwe Neumärker ist Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.