Annexion, Repression, „Germanisierung“: Deutsche Besatzungsziele in Luxemburg

Von Beate Welter

Nach der Besetzung Luxemburgs am 10. Mai 1940 richteten die Deutschen zunächst eine Militärverwaltung ein, die aber am 29. Juli 1940 von einer Zivilverwaltung abgelöst wurde. Chef der Zivilverwaltung wurde Gustav Simon, Gauleiter des Gaus Koblenz-Trier. Ziel der folgenden Besatzungspolitik war die Auflösung Luxemburgs als unabhängiger Staat und die Eingliederung in das Deutsche Reich. Als Mittel dazu diente die rigorose „Germanisierung“ des Landes, die durch verschiedene Anordnungen wie die Sprachenverordnung vom 6. August 1940 und die Einführung der deutschen Rechtsprechung im „Namen des deutschen Volkes“ am 26. August 1940 durchgesetzt werden sollte. Die unmittelbar nach der Besetzung gegründete Volksdeutsche Bewegung (VdB), an deren Spitze Damian Kratzenberg stand und der alle Beamten beitreten sollten, flankierte das Vorhaben.

Noch im August wurde das Einsatzkommando Luxemburg (EKL) installiert, das sich aus Geheimer Staatspolizei, Kriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst der SS (SD) zusammensetzte. Alle als „politisch“ ausgewiesenen Fälle wurden von der Gestapo übernommen, für die einfachen Kriminalfälle war die Kriminalpolizei zuständig und der SD arbeitete im nachrichtendienstlichen Bereich. Der Leiter des EKL war in Personalunion auch Leiter der Staatspolizeidienststelle Trier.

Bis zum 10. Mai 1940 lebten etwa 3700 Juden in Luxemburg. Beim Einmarsch der deutschen Truppen flohen rund 1500 von ihnen nach Frankreich. Im August 1940, unmittelbar nach Errichtung der Zivilverwaltung, wurden Schritte unternommen, die rechtliche Lage der Juden und Jüdinnen in Luxemburg derjenigen im Deutschen Reich anzupassen. Jüdischen Medizinern und Juristen sollte die Ausübung ihres Berufs verboten werden, Juden sollten aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden. Mit der Verordnung über Maßnahmen auf dem Gebiet des Judenrechts vom 5. September 1940 übernahm die Zivilverwaltung grundlegende Bestimmungen der Nürnberger Gesetze. Gleichzeitig erließ sie die Verordnung über das jüdische Vermögen in Luxemburg, mit der die jüdische Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und Betriebe arisiert wurden.

Bis Oktober 1941 war es noch möglich, nach Spanien, Portugal oder auch Frankreich in Konvois zu emigrieren, dies wurde sogar von deutscher Seite unterstützt. Bis zum letzten Transport, der am 15. Oktober 1941 Luxemburg verließ, gelang es 1450 Menschen, außer Landes zu kommen. Die noch im Land Verbliebenen sollten nach und nach in dem im Norden des Landes gelegenen Cinqfontaines/Fünfbrunnen zusammengefasst werden. Mit dem ersten Deportationszug wurden am 16. Oktober 1941 331 Juden und Jüdinnen nach Litzmannstadt und viele von ihnen weiter nach Chełmno (Kulmhof) verschleppt und dort ermordet. In den folgenden sieben Zügen, der letzte verließ Luxemburg am 17. Juni 1943, wurden die noch in Luxemburg lebenden 683 Juden und Jüdinnen in die Ghettos Theresienstadt und Litzmannstadt sowie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Nur 43 Menschen überlebten.

Die Personenstandsaufnahme vom 10. Oktober 1941 sollte der Besatzungsmacht einen Überblick über die Bevölkerung geben, die sich neben Luxemburgern hauptsächlich aus Italienern, Franzosen und Belgiern zusammensetzte. Zu diesem Zweck wurden Fragen nach der Staatsangehörigkeit, der Muttersprache und der Volkszugehörigkeit gestellt. Die Zivilverwaltung erwartete nach verschiedenen Appellen und Drohungen auch in der Presse, dass die Luxemburger diese drei Fragen jeweils mit „deutsch“ beantworten würden. Die Auswertung erster Stichproben der Befragung ergab aber, dass die Antwort mehrheitlich dreimal „luxemburgisch“ lautete. Daraufhin wurde die Personenstandsaufnahme abgebrochen.

Die Maßnahmen gegenüber dem luxemburgischen Widerstand, der sich seit Beginn der Besatzung formiert hatte und der bei der Personenstandsaufnahme mit allen Mitteln versucht hatte, die Bevölkerung zu beeinflussen, „luxemburgisch“ einzutragen, verschärften sich. So wurden bis Ende November 1940 über 200 Personen verhaftet und in die Gefängnisse von Luxemburg-Stadt, und Esch/Alzette deportiert.

Am 30. August 1942 wurde die Wehrpflicht für Luxemburger der Jahrgänge 1920 bis 1924, später bis zum Jahrgang 1927, eingeführt und zeitgleich eine Regelung über die Verleihung der Staatszugehörigkeit verfügt. In Umkehrung des Völkerrechtes verliehen die Besatzungsbehörden erst nach Einberufung zur Wehrmacht die Staatsbürgerschaft. Erfasst wurden 15.409 junge Männer, zur Wehrmacht einberufen 10.211. Als gefallen gelten 1775 und als vermisst 1250 Soldaten. Luxemburger wurden hauptsächlich an der Ostfront eingesetzt, denn das Misstrauen ihnen gegenüber bei einem Einsatz in Westeuropa war sehr groß. Obwohl bekannt war, dass die Angehörigen in Sippenhaft genommen würden und eine Umsiedlung drohte, entzogen sich über 3500 (29,14 %) junge Männer der Wehrmacht, sei es, dass sie vor der Einberufung unterzutauchen versuchten –  in Luxemburg „Refraktäre“ genannt –, oder dass sie, schon zur Wehrmacht zwangseingezogen, flohen oder während des Heimaturlaubes untertauchten.

Trotz des Misserfolgs bei der Personenstandsaufnahme war der Chef der Zivilverwaltung Gustav Simon bis Ende August 1942 davon überzeugt, aus den Luxemburgern mit erzieherischen Maßnahmen „gute“ Deutsche im nationalsozialistischen Sinne machen zu können. Erst der Streik als Reaktion auf die Ausrufung der Wehrpflicht am 30. August änderte seine Haltung. Eine Verhaftungswelle überschwemmte das Land, in kürzester Zeit wurden 150 Luxemburger in das SS-Sonderlager verschleppt. Das kurzfristig eingesetzte Standgericht fällte 20 Todesurteile, die in unmittelbarer Nähe des SS-Sonderlagers vollstreckt wurden. Die Angehörigen der nach Hinzert verschleppten Widerstandskämpfer wurden nach Niederschlesien, u. a. in die Lager Leubus, Schreckenstein, Mittelstein und Boberstein umgesiedelt. Insgesamt gab es 28 Umsiedlungslager in Niederschlesien, im Sudetenland und im Hunsrück. Der erste Transport verließ Luxemburg am 17. September 1942, bis Ende des Jahres waren 250 Familien betroffen. Die von September 1942 bis August 1944 durchgeführten Umsiedlungen sollten den luxemburgischen Widerstand brechen. Von 1943 an waren hauptsächlich die Angehörigen der Refraktäre und der Fahnenflüchtigen betroffen. Hinzu kamen Intellektuelle und höhere Beamte, die als geistige Urheber des Widerstandes galten. Insgesamt wurden im Zeitraum von knapp zwei Jahren 1138 Familien umgesiedelt. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, eine Rückkehr war nicht vorgesehen.

Bis in den Sommer 1941 wurden verschiedene Widerstandsgruppen in zahlreichen Gemeinden des Landes gegründet, die meist nur wenige Mitglieder, allerdings einen ständigen Kontakt untereinander hatten. Gemeinsam war ihnen der Wunsch, ein freies und unabhängiges Luxemburg unter der Führung der Großherzogin Charlotte wiederherzustellen. Ihre Widerstandstätigkeit bestand u. a. in der Unterstützung der Angehörigen von verhafteten Oppositionellen, dem Anschluss an die französische Résistance, der Weigerung, den Anforderungen der deutschen Besatzung bei der Volkszählung zu entsprechen, der Hilfe für flüchtige alliierte Kriegsgefangene und abgeschossene alliierte Piloten, der Weitergabe der von Großbritannien aus gesendeten Botschaften der Großherzogin, vor allem aber in der Unterstützung der Refraktäre und Fahnenflüchtigen. 3963 Luxemburger und Luxemburgerinnen wurden in Zuchthäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt, 1600 von ihnen in das nahe Luxemburg gelegene SS-Sonderlager Hinzert.

Die angegebenen Zahlen der Luxemburger, die von den verordneten Maßnahmen betroffen waren, mögen für sich genommen nicht sehr hoch erscheinen. Setzt man sie jedoch in Relation zur Gesamtbevölkerung Luxemburgs von 296.776 (1939), so ergibt sich, dass 1,33 % der Einwohner in Zuchthäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt und 1,41 % umgesiedelt wurden.

Dr. Beate Welter ist Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert.

Vom „Polendenkmal“ zum Ort europäischer Erinnerung

Von Peter Oliver Loew und Emilie Mansfeld

In den deutsch-polnischen Beziehungen spielt der Zweite Weltkrieg bis heute eine wichtige Rolle. Manchmal tritt dies offen zutage, etwa wenn in der polnischen Politik Forderungen nach deutschen Reparationszahlungen laut werden. Oft bilden die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1945 aber die subkutan vorhandene Grundlage deutsch-polnischer Kommunikation. Wenn man zum Beispiel Polinnen und Polen fragt, was ihre Assoziationen mit „Deutschland“ sind, so bezieht sich ein Drittel der Antworten auf den Krieg.

Der Überfall Deutschlands auf die Republik Polen, fünfeinhalb Jahre brutaler Besatzung, die maßlosen Verbrechen an der Zivilbevölkerung und die riesigen Zerstörungen haben der polnischen Gesellschaft tiefe Spuren eingegraben. Drei Millionen verschleppter Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, rund sechs Millionen toter polnischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, davon drei Millionen polnischer Jüdinnen und Juden, der von den Nazis auf polnischem Boden verübte Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden – all das kann heute, 80 Jahre danach, nicht vergessen, nicht ohne Bedeutung sein. Dazu kommt der Gebietsverlust im Osten und die Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete im Westen, wo sich Fremdheits- und Verlusterfahrungen über Jahrzehnte hin manifestierten, teils bis in die Gegenwart.

In Deutschland ist davon viel zu wenig bekannt. Im Schulunterricht geht es, zumindest kursorisch, um den Überfall auf Polen und um den Holocaust, aber die Schrecken der Besatzungsherrschaft fallen dem Zeitdruck zum Opfer. Überlagert wird das Leid, das Nazi-Deutschland über seine europäischen Nachbarn gebracht hat, in der Regel durch das eigene Leid, sei es durch die Verfolgung von Menschen innerhalb der heutigen Staatsgrenzen Deutschlands, sei es durch die Zerstörung von Städten und Kulturdenkmälern in Deutschland.

Für die Freundinnen und Freunde Polens in Deutschland stellte sich nun schon vor Jahren die Frage, wie diese Leerstelle im deutschen Erinnern geschlossen, wie Wissen über die Kriegsereignisse in Polen wirksam in die deutsche Gesellschaft getragen werden könnte und  Empathie mit den Erfahrungen des Nachbarn öffentlich ausgedrückt sowie befördert werden kann. Denn immer wieder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgestellt, dass die Unkenntnis über deutsche Verbrechen in Polen die Beziehungen belasten. Es wiegt schwer, dass von polnischer Seite stets aufs Neue der Vorwurf erhoben werden kann, Deutschland bemühe sich, aus der Täter- in die Opferrolle zu schlüpfen, es wolle deutsche Verbrechen in Polen nicht aufarbeiten und sei nicht daran interessiert, sich heute seiner historischen Verantwortung gegenüber Polen zu stellen.

Um Polen gegenüber zu demonstrieren, dass die deutsche Zivilgesellschaft sehr wohl an polnisches Leid im Krieg denkt, und um gleichzeitig die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln, entstand der Gedanke, ein „Polendenkmal“ in der Mitte Berlins zu errichten. Schon Władysław Bartoszewski, der unermüdliche Kämpfer für den bilateralen Dialog, schlug ein solches Zeichen vor. Und auch in Deutsch-Polnischen Gesellschaften wurden entsprechende Gedanken entwickelt, etwa in Nürnberg. 2017 ergriff dann Florian Mausbach die Initiative. Der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung hatte sich in der Vergangenheit schon um mehrere Gedenkorte verdient gemacht, zuletzt um das „Einheitsdenkmal“ in Berlin. Nun machte er gemeinsam mit Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse, mit Andreas Nachama, dem damaligen Direktor der „Topographie des Terrors“,  und Dieter Bingen, dem damaligen Leiter des Deutschen Polen-Instituts (DPI), sein Anliegen öffentlich: Das Denkmal sollte ihnen zufolge auf dem Askanischen Platz errichtet werden, vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs. Das Deutsche Polen-Institut griff diese Idee auf, und schon bald wurde der Vorstoß von weit mehr als 100 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterstützt (Der Aufruf und die mediale Debatte sind dokumentiert auf http://www.polendenkmal.de).

Verschiedene Veranstaltungen begleiteten das Projekt, dessen Ursprungsidee im Laufe der Zeit um zwei weitere Ebenen ergänzt wurde. Neben einem „in die Höhe strebende[n], weithin sichtbare[n] Gedenkzeichen in der politisch-symbolischen Mitte der deutschen Hauptstadt“ (Aufruf an den Deutschen Bundestag) war an eine Dokumentation deutscher Besatzungsherrschaft in Polen sowie an eine Bildungseinrichtung gedacht. Im Bundestag machte sich Manuel Sarrazin, Vorsitzender der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe, mit großem Engagement daran, für das Vorhaben zu werben. Auf eine Liste der unterstützenden Abgeordneten trugen sich rund 260 Mitglieder des Bundestags aus allen demokratischen Fraktionen ein (https://manuelsarrazin.de/2019/09/04/appell-fuer-zentralen-ort-des-gedenkens-an-alle-polnischen-opfer-der-deutschen-besatzungspolitik/).

Als sich vor dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 2019 abzeichnete, dass es zu diesem Anlass keinen symbolischen Akt der deutschen Politik geben würde, organisierte das Deutsche Polen-Institut gemeinsam mit den Befürwortern des „Polendenkmals“ vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs eine Gedenkversammlung. Mehrere hundert Personen fanden sich hier ein, um des Beginns des Zweiten Weltkriegs und der Leiden Polens zu gedenken, allen voran Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und die Marschallin des Polnischen Sejm, Elżbieta Witek.

Die Idee des „Polendenkmals“ erntete jedoch von Anfang an auch Kritik. Dem Projekt wurde eine „Nationalisierung des Erinnerns“ vorgeworfen, da nicht nur Polen Opfer Deutschlands im Krieg geworden sei, sondern ganz Osteuropa von einem Vernichtungskrieg heimgesucht wurde und halb Europa das Joch deutscher Besatzungsherrschaft erlitt. Schon vor mehreren Jahren waren Überlegungen entstanden, der Opfer deutscher Terrorherrschaft im östlichen Europa zu gedenken, zuweilen auch reduziert auf die Opfer der „NS-Lebensraumpolitik“ bzw. die „slawischen Opfer“. Verschiedene Akteure befürchteten, eine Kategorisierung von Opfern nach Nationen oder Ethnien werde dem alle Grenzen überschreitenden Terror des Deutschen Reichs nicht gerecht. Die Befürworter des Polendenkmals warnten hingegen davor, polnische Gewalterfahrungen zu relativieren und die jahrhundertealte Geringschätzung Polens als Nachbar Deutschlands durch eine Einbindung in eine transnationale Erzählung erneut zu verfestigen.

Ende 2019 schaltete sich dann Wolfgang Benz im Namen der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in die Debatte ein und schlug in einem Schreiben an den Bundestagspräsidenten ein „Dokumentationszentrum über die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa von 1939 bis 1945“ vor. Auch die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sowie die Historiker Martin Aust und Heinrich August Winkler äußerten sich im Frühjahr 2020 ähnlich.

Angesichts der verhärteten Fronten zwischen den Anhängerinnen und Anhängern beider Vorschläge – Polendenkmal und Dokumentationszentrum Besatzungsherrschaft – und entsprechend ähnlicher Entwicklungen im politischen Raum ergriff das Deutsche Polen-Institut dann im Frühjahr 2020 die Initiative, um im Gespräch zweier maßgeblich an der Debatte beteiligter Institutionen, DPI (vertreten durch die beiden Autoren dieses Textes) und Stiftung Denkmal (vertreten durch Uwe Neumärker und Ulrich Baumann), zu eruieren, ob sich nicht doch beide Ansätze vereinen ließen. Bei unseren Gesprächen konnten wir uns tatsächlich auf ein Konzept einigen, das wir anschließend in einem Schreiben an den Bundestagspräsidenten und zahlreiche Akteurinnen und Akteure im politischen Raum formulierten. (Der Wortlaut: An den Überfall auf Polen und an die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa erinnern, https://www.deutsches-polen-institut.de/politik/polendenkmal/aktuelles/)

Knapp gesagt schlagen wir vor, beide Initiativen als „Gedenkensemble“ zusammen zu denken, und zwar wiederum auf drei Ebenen. Zunächst gibt es das konkrete räumliche Gedenken in Gestalt eines Denkmals zur Erinnerung an den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939, mit einer Aufschrift auf Deutsch und Polnisch (und ggf. ergänzt um andere Sprachen), gelegen an einem Platz des 1. September 1939, der auch eine polnische Namensbezeichnung erhielte. Abgegrenzt von diesem „Polendenkmal“ entstünde ein Dokumentationszentrum über die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa von 1939 bis 1945, in dem die verschiedenen nationalen und regionalen Gewalterfahrungen im Krieg dargestellt würden, natürlich auch die polnischen. Schließlich stellen wir uns in diesem Gebäude Räumlichkeiten für zivilgesellschaftliche Organisationen vor, etwa eine „Fliegende Akademie“ des DPI, die als „lebendes Polendenkmal“ bundesweit gegen die Leerstellen in der deutschen Erinnerung anarbeiten würde.

Wir glauben, mit diesem Konzept das Polendenkmal weitergedacht zu haben und zweierlei zu leisten: Wir würden erstens Polen und den Menschen in Polen gegenüber ganz klar dokumentieren, dass Deutschland willens ist, sich seiner historischen Verantwortung gegenüber Polen zu stellen. Und zweitens denken wir, eine Form gefunden zu haben, die die Opferrolle Polens im Krieg direkt in die deutsche Erinnerungskultur implementiert: Indem wir dieses Gedenken in eine umfassende Geschichtserzählung vom deutschen Terror in Europa einbinden, bringen wir die besonderen Gewalterfahrungen, die Polen im Zweiten Weltkrieg erleben musste, auf besonders eindringliche Weise zum Ausdruck – so wie auch die Gewalterfahrungen der anderen betroffenen Staaten angemessen dokumentiert und im Vergleich deutlich werden würden. Es wäre ein empathisches Gedenken, das zugleich anschlussfähig wäre nach Polen, in die deutsche Gesellschaft sowie in alle anderen vom Krieg betroffenen Staaten, wobei es wissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Kriterien gerecht werden würde. Und es würde die klaffende Leerstelle in der bundesdeutschen Erinnerungslandschaft endlich schließen.

Peter Oliver Loew ist Direktor des Deutschen Polen-Instituts und Honorarprofessor an der TU Darmstadt.

Emilie Mansfeld ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Polen-Institut.