Diskussionsbeiträge und Medienberichte

Massengräber des Holocaust in der Ukraine – gedenken, schützen, erforschen

Von Svetlana Burmistr und Uwe Neumärker

Die Ukraine hatte in den Jahren 1941 bis 1944/45 über fünf Millionen Opfer zu beklagen – mindestens 3,5 Millionen jüdische und nichtjüdische Zivilisten, darunter etwa auch 30 000 Roma, und bis zu 1,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene. Von den 2,8 Millionen nach Deutschland verschleppten sowjetischen Zwangsarbeitern, zumeist Frauen, stammte mehr als die Hälfte aus der Ukraine. Zahlreiche Dörfer wurden verbrannt, Städte zerstört. Die derzeitige Geschichtserzählung dominiert der „Holodomor“, die Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 mit mindestens 3,5 Millionen Toten. Holocaust und Holodomor – allein sprachlich drängt sich ein Vergleich oder gar eine Gleichsetzung auf. Wie gedenkt man beider „nationaler Tragödien“ und ihrer Opfer, ohne Konkurrenz und Hierarchien zu schaffen? Eine der vielen Fragen, die offener und breiter öffentlicher Diskussionen bedarf.

Die ukrainische Erinnerung an die ermordeten jüdischen Nachbarn ist einerseits mit der Auseinandersetzung über deren Schicksal und andererseits mit der Frage nach der eigenen Beteiligung am Massenmord verbunden. Gleichzeitig müssen generationsübergreifende Traumatisierungen der ukrainischen Gesellschaft individuell und kollektiv verarbeitet werden. Eine staatliche Erinnerungs- und Gedenkpolitik, die bei der Bewältigung der Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkrieges hilfreich sein könnte, fehlt bislang.

Über 1,5 Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ermordet. Über eine Million von ihnen fiel Massenerschießungen zum Opfer – meist in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes, vor den Augen ihrer Familien und Nachbarn. Deutsche Einheiten der Wehrmacht, SS und Polizei unter Beteiligung einheimischer Hilfswilliger löschten jahrhundertealte jüdische Gemeinden oft innerhalb weniger Stunden oder Tage aus. Als Orte für ihre Verbrechen wählten die Täter abgelegene Schluchten und Wälder, ehemalige Panzergräben, Sandgruben und Tierfriedhöfe aus – oder zwangen die Opfer dazu, mitten auf Feldern ihre Gräber selbst auszuheben.

Meist wurden zuerst die Männer in kleinen Gruppen erschossen, dann Frauen und Kinder. Immer wieder berichten Zeugen vom Leid der jüdischen Menschen: von Kindern, die vor den Augen ihrer Eltern ermordet oder lebendig in die Gruben geworfen wurden, von Frauen und ihren Säuglingen, von alten und gebrechlichen Menschen, die von Angehörigen zum Grab getragen wurden, von jungen Frauen und Mädchen, die vor ihrem Tod, oftmals tagelang in der Gefangenschaft, gedemütigt und vergewaltigt wurden, vom Abschied der Opfer voneinander, von Gebeten und Verzweiflungsschreien. Diese Stimmen sind verstummt. Den wenigen, die auf wundersame Weise überleben konnten, haben sich die letzten Worte und Augenblicke ihrer Liebsten fest ins Gedächtnis eingebrannt.

Schätzungsweise über 2000 solcher Erschießungsstätten befinden sich allein auf ukrainischem Boden. Viele sind nach Kriegsende in Vergessenheit geraten. Für die wenigen Überlebenden musste das Gedenken an ihre ermordeten Familienangehörigen, Freunde und Bekannten privat bleiben. Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung ließ keine Benennung einzelner Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges zu. Wenn auf Initiative jüdischer Überlebender und Rückkehrer bescheidene Gedenksteine aufgestellt werden durften, mussten sie „friedlichen sowjetischen Bürgern“ gewidmet werden. Erst seit den 1990er-Jahren wurden in der dann unabhängigen Ukraine vielerorts Gedenksteine errichtet, die auf die jüdische Herkunft der Opfer hinweisen.

Die riesigen Opferzahlen und die Vielzahl der Orte und Gruben der Massenerschießungen, die über das ganze Land verteilt sind, kennzeichnen die Besatzungsherrschaft und den Holocaust in der Ukraine. Das Land grenzt heute im Westen an die Europäische Union, im Osten muss es sich in einem von Russland aufgezwungenen Krieg verteidigen. Nicht nur in Deutschland, dem Land, das den Vernichtungskrieg im Osten führte, sind die Dimensionen, Ereignisse und Folgen des „Holocaust durch Kugeln“ in der Ukraine kaum bekannt. Daran hat die Tätigkeit des französischen Priesters Patrick Desbois und seiner Organisation „Yahad In Unum“ einiges, aber nichts Grundlegendes geändert. Lediglich einzelne Orte der Verbrechen – wie Babyn Jar in Kiew, Lemberg, Kamenez-Podolsk oder Mizocz – und die dort ermordeten, meist namenlosen Opfer gelangten dank der Forschung, durch Ausstellungen und Presseberichterstattung langsam ins öffentliche Bewusstsein. Doch allein die Namen der Tatorte sind den meisten Westeuropäern völlig fremd und damit letztlich austauschbar, sie sind als Folge des Kalten Krieges und vor allem durch Desinteresse in weite Ferne gerückt.

Die Situation vor Ort offenbart die Gleichzeitigkeit von Erinnern und Vergessen. Durch die Massengräber, deren Lage über Generationen bekannt blieb, ist der Holocaust nach wie vor im Bewusstsein. Dennoch sind die lokalen Narrative sehr bruchstückhaft. Einzelne Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten, an die erinnert wird, bilden Puzzleteile, ergeben aber kein Gesamtbild. Die Spuren der jüdischen Gemeinden und der Schtetl verschwinden allmählich: verlassene, überwucherte, oft als Müllhalde genutzte jüdische Friedhöfe, umfunktionierte oder leerstehende Gebäude der ehemaligen Synagogen, Gebetshäuser und jüdischen Schulen. In kleineren Orten wohnen heute oft keine oder nur noch einzelne jüdische Personen oder Familien. Lediglich in größeren Städten gibt es noch – oder wieder – lebendige jüdische Gemeinden. Sie halten das Gedenken wach und pflegen die Gräber im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten.

Berdytschiw – Gewalträume in einer ukrainischen Stadt

Berdytschiw steht – sowohl was das Schicksal seiner jüdischen Einwohner als auch den Zustand der Massengräber des Holocaust angeht – exemplarisch für zahlreiche Orte in der Ukraine. Juden lebten seit dem späten 16. Jahrhundert in Berdytschiw und prägten das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt. Neben Ukrainern, Polen und Russen bildeten sie im Jahr 1897 rund 80 Prozent der Einwohnerschaft. Berdytschiw entwickelte sich zu einem der größten jüdischen Kulturzentren Europas. Die Sowjetmacht förderte zunächst die proletarische jüdische Kultur und die jiddische Sprache, schloss aber gleichzeitig religiöse Einrichtungen. Viele Juden, ebenso wie Ukrainer und andere Nationalitäten, fielen dem Holodomor und später Stalins Terror zum Opfer. 1939 lebten noch etwas mehr als 23.000 Juden in Berdytschiw.

Die Verfolgung, Erniedrigung, Ausgrenzung und Ermordung der Juden in Berdytschiw begann in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch am 7. Juli 1941 und endete erst mit der Rückeroberung der Stadt durch die Rote Armee Anfang Januar 1944. Im August 1941 musste zum Beispiel eine Gruppe von jüdischen Frauen durch den Fluss Hnilopiat schwimmen, bis sie ertranken. Das Einsatzkommando 5 führte Erschießungen, oft verbunden mit vorhergehender Erniedrigung der Opfer, durch. Die Wehrmacht zwang die Juden zur Kennzeichnung an der Kleidung und zum Umzug in ein Ghetto, das eine Sammelstelle vor Massenexekutionen bildete.

Am 28. August 1941 wurden im Innenhof des Karmelitenklosters 960 Männer, darunter jüdische Soldaten aus dem Kriegsgefangenenlager und angesehene jüdische Persönlichkeiten der Stadt, erschossen. In der Nähe des Dorfes Chashyn südwestlich von Berdytschiw verübten Polizei- und SS-Einheiten immer wieder Massenerschießungen. Allein am 4. September 1941 wurden hier laut einem Dokument der SS 1303 Juden – vor allem junge Menschen, zwei Drittel davon Frauen – erschossen. Dieser Ort wurde für weitere Erschießungen von Juden, und wahrscheinlich auch von sowjetischen Kriegsgefangenen, genutzt.

Die größte Massenerschießung der einheimischen Juden fand am 15. September 1941 statt. Das Sonderkommando 5 der Einsatzgruppe C, das 45. Reserve-Polizeibataillon, SS und einheimische Polizeikräfte trieben die Juden aus dem Ghetto auf dem Marktplatz zusammen. Einige hundert Handwerker durften mit ihren Familien zunächst ins Ghetto zurückkehren. Alle anderen – etwa 12.000 Kinder, Frauen und Männer – wurden an verschiedenen Stellen auf dem Gelände des Flugplatzes in vorbereiteten Gruben ermordet.

Am 3. November 1941 wurden die zurückgestellten Handwerker und ihre Familien zusammen mit Juden, die man in Berdytschiw oder der Umgebung in Verstecken ausfindig gemacht hatte – zwischen 2000 und 3000 Menschen – in der Nähe des Flugplatzes, beim Dorf Sokulino (heute Dorf Mirne), ermordet. Am 27. April 1942 fielen etwa 70 jüdische Frauen und ihre Kinder aus gemischten Ehen an einem unbekannten Ort dem Terror zum Opfer.

Im Sommer 1942 löste die deutsche Besatzungsverwaltung das Zwangsarbeitslager am „Kahlen Berg“ („Lysa hora“) auf, die aus Berdytschiw und umliegenden Ortschaften stammenden jüdischen Arbeiter wurden erschossen. Im November 1943 rückte die Rote Armee immer näher. Die deutschen Truppen mussten die Stadt verlassen und erschossen vor ihrem Abzug die letzten Juden der Stadt, Häftlinge im SD-Gefängnis. Nur 15 jüdische Überlebende sind namentlich bekannt, die sich beim Einmarsch der Roten Armee Anfang Januar 1944 in Berdytschiw aufhielten.

Nach Angaben der Außerordentlichen Staatlichen Untersuchungskommission, die noch unter den Bedingungen des Krieges und in einem verwüsteten Land im November 1942  ihre Arbeit aufnahm und im April 1944 die Gräber in Berdytschiw untersuchte, wurden während der deutschen Besatzung der Stadt insgesamt 38.536 Personen ermordet, neben etwa 30.000 Juden mehrere Tausend sowjetische Kriegsgefangene sowie vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner.

Nach der Befreiung und der Rückkehr einiger Überlebender bemühte sich die jüdische Gemeinde um einen Neuanfang, um den Aufbau zerstörter Synagogen und um Hilfe für bedürftige Glaubensgenossen. Der Staat bekämpfte diese Aktivitäten und warf ihr „Verletzung sowjetischer Gesetze“ vor. Anfang der 1960er-Jahre nahmen die sowjetischen Behörden die sinkende Anzahl der Juden zum Vorwand, der Gemeinde die Choral-Synagoge wegzunehmen. Darin wurde eine Handschuhfabrik untergebracht. Heute steht das Gebäude im Privatbesitz leer.

Bereits 1946 führten Juden neben den Massenerschießungsgruben eine der ersten Gedenkkundgebungen zur Erinnerung an die „Opfer des Faschismus“ in der Sowjetunion durch. Am Flughafengelände wurde aus Spendengeldern 1953 ein Gedenkstein aufgestellt und sofort wieder demontiert; er galt über Jahrzehnte als verschwunden. Heute steht er auf dem jüdischen Friedhof. Erst 1983 konnten die jüdischen Einwohner Berdytschiws in der Nähe des Flugplatzes ein Denkmal mit Angabe der Anzahl der Opfer sowie erste Gedenksteine an weiteren Massengräbern aufstellen. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine wurde es möglich, neue Erinnerungszeichen mit der Nennung der jüdischen Herkunft der Opfer zu errichten. 2015 eröffnete ein kleines Museum des Judentums in der Stadt Berdytschiw.

2019 konnte am zentralen Holocaust-Gedenkort, am Gelände des ehemaligen Ghettos, eine Freiluftausstellung der Öffentlichkeit übergeben werden. Sie entstand in enger deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“. Fünf Tafeln informieren in ukrainischer, hebräischer und englischer Sprache über die jüdische Geschichte der Stadt und den Holocaust. Anhand einer Karte bekommen Besucher einen Überblick über die Lage von insgesamt acht großen Massengräbern, die sich in Berdytschiw oder Umgebung befinden.

Die Vielzahl der Massengräber in Berdytschiw zeugt heute noch von der Dimension der deutschen Verbrechen zwischen 1941 und 1944. Die meisten Gräber bieten einen trostlosen Anblick. Berdytschiw kann als beispielhaft gelten: Während das Massengrab auf dem Gelände des Klosters in der Ortsmitte als Gedenkstätte gestaltet ist, sind die Gräber außerhalb der Stadt verwahrlost, unmarkiert und ungeschützt. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde kümmert sich um sie, seine Möglichkeiten sind jedoch beschränkt und das Ausmaß der notwendigen Arbeiten ist enorm. Regelmäßig werden die Gräber geschändet, auf der Suche nach vermeintlich versteckten Wertgegenständen der Ermordeten zerstört und geschändet: Knochen, Schädelteile, Haarbündel und Kleidungsfetzen liegen frei. In Chazhyn bei Berdytschiw, einem der Massenvernichtungsorte, sieht die Situation seit Sommer 2019 anders aus. Im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“ wurde das Massengrab als ein würdiger Gedenkort gestaltet.

„Erinnerung bewahren“

Im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten Projekts „Protecting Memory“ (unter der Leitung des American Jewish Committee Berlin) und „Erinnerung bewahren“ (ab 2016 unter dem Dach der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) wurden zwischen 2010 und Ende 2019 insgesamt 20 besonders bedrohte Massengräber ermordeter Juden und Roma als würdige Gedenk- und Informationsorte eingerichtet. Intensive historische und pädagogische Arbeit begleitete das Projekt. Die Anteilnahme der einheimischen Bevölkerung an den Einweihungszeremonien war beachtlich. Auch wenn die Anzahl der errichteten Gedenkorte angesichts der Gesamtzahl der Massengräber verschwindend gering erscheint, kommt dieser Arbeit zentrale Bedeutung zu. Sie verdeutlicht, dass Schutz und würdiges Gedenken an solchen Orten möglich sind. Durch die enge Einbeziehung der lokalen Gemeinden und Schulen werden Wege eröffnet, die Erinnerung an die ermordeten Juden und Roma wachzuhalten und ihre  Geschichte als Teil der ukrainischen Nationalgeschichte zu begreifen.

Dr. Svetlana Burmistr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „NETZWERK ERINNERUNG – CONNECTING MEMORY – МЕРЕЖА ПАМ’ЯТІ“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Uwe Neumärker ist Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Denkmal und Dokumentation: Erinnern durch Wissen

Von Winfried Nerdinger

Denkmäler sind Zeugnisse für das, was in einer bestimmten Zeit als wichtig galt erinnert zu werden, und sie sind ein Spiegel für die jeweiligen Vorstellungen, wie Erinnerung gestaltet werden kann und soll. Das größte und am meisten diskutierte Denkmal, das in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende in Deutschland entstand, war die von Konrad Adenauer angeregte „Friedland-Gedächtnisstätte“, die durch den „Verband der Heimkehrer“, der 1955 über 500.000 Mitglieder zählte, am Grenzdurchgangslager Friedland 1967 errichtet wurde. Die 28 Meter hohe vierteilige Betonskulptur diente zur Erinnerung an die „Heimkehr der Kriegsgefangenen und Zivilverschleppten als auch an die Aufnahme der Vertriebenen und Aussiedler“ und sollte – an der Grenze zur DDR auf einem Hügel platziert – das „Tor zur Freiheit“ signalisieren. Das Denkmal steht somit für Kriegsfolgethemen: Heimkehrer, Vertriebene und Teilung des Landes, und es ist ein Monument für Adenauers Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Die Ursachen für diese Themen, die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundenen Verbrechen, wurden nicht benannt. Die erklärenden Tafeln an den Betonwänden mit Zahlen bezüglich der Heimkehrer und Flüchtlinge lesen sich heute wie eine Demonstration der im Denkmal geradezu manifesten Verdrängungen der frühen Nachkriegszeit. Da Denkmäler immer einen retrospektiven Charakter haben, können sie auch als zeitspezifische Erfindungen von Geschichte betrachtet werden, und deshalb bedürfen sie einer Ergänzung durch historische Dokumentation.

Das erste Erinnerungszeichen an die NS-Zeit, das in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, im öffentlichen Raum aufgestellt wurde, war im August 1945 ein Straßenschild mit der Bezeichnung „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Dieses Schild stand 20 Jahre lang ohne weitere Erklärung an der Brienner Straße. Historische Bezugspunkte waren das daneben befindliche Schillerdenkmal, dem „Dichter der Freiheit“ gewidmet, wie Oberbürgermeister Karl Scharnagl, der die Aufstellung anordnete, vage bemerkte, sowie eine Blickbeziehung über die Brienner Straße hinweg zum etwa 100 Meter entfernten Wittelsbacher Palais, der ehemaligen Gestapozentrale. Die pauschale Widmung an „die Opfer“ kennzeichnet die nach Kriegsende allgemein akzeptierte Formel der Selbstviktimisierung: Opfer des Nationalsozialismus waren „die Deutschen“, jeder und niemand waren angesprochen. Nach 20 Jahren wurde das Straßenschild 1965 von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel durch einen Granitfindling ersetzt, der sich nun auf einer Verkehrsinsel befand. Die Inschrift blieb gleich, am Bewusstseinsstand hatte sich noch nicht viel geändert. Wie in München entstanden in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende überall in Deutschland ähnlich belanglose, buchstäblich nichtssagende Denkmäler mit ähnlichen Inschriften. Beachtung fanden sie wenig, sie dienten zumeist als obligate „Kranzabwurfstelle“ für Politiker. Das Münchner Denkmal wie auch die anderen vergleichbaren Monumente boten trotz der öffentlichen Dimension keine historischen Anknüpfungspunkte, es entstand keine „dialogische Qualität des Gedächtnisraums“ (Andreas Huyssen), denn es wurde nichts zu einem Dialog angeboten, sie blieben stumm – und genau das war wohl auch gewollt.

Am Ort der wirklichen Opfer, dem KZ-Friedhof Dachau-Leitenberg, sollte auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung im Sommer 1945 ein Denkmal errichtet werden. Beauftragt wurde ausgerechnet Georg W. Buchner, einer der Mitgestalter der Münchner NS-Festzüge. Als dies bekannt wurde, sollte Karl Knappe, der in der NS-Zeit seine Position an der Hochschule verloren hatte, das Denkmal planen, aber sein Entwurf mutete derart nach NS-Geist an, dass auch er nicht zur Ausführung kam. Auf dem Friedhof fand dann 1949 ein Davidstern Aufstellung, während das Lager, der eigentliche Ort des Leidens, ab 1948 als „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Vertriebene verwendet wurde. Anfang der 1960er-Jahre riss man die Baracken komplett ab, und 1965 entstand auf Initiative der Lagergemeinschaft eine Gedenkstätte mit Ausstellung, vor der 1967 das Denkmal des serbischen Künstlers Nandor Glid platziert wurde. Die authentischen Orte des Leidens verschwanden, und dafür sollte ein Kunstwerk emotionalen Ersatz bieten. Die Errichtung des Dachauer Denkmals, im gleichen Jahr, als die Friedland-Gedächtnisstätte eingeweiht wurde, signalisiert einen Wandel in der Erinnerungskultur. Das Leid der Opfer wurde nach den Einsatzgruppen- und Auschwitz-Prozessen endlich in den Blick genommen, aber das Denkmal von Nandor Glid steht auch stellvertretend für eine Flut weiterer ähnlich figurativ-abstrahierter Gestaltungen, die Stacheldraht, Gitter, zerbrochene Materialien und abgemagerte Körper als Angebote für Assoziationen der Betrachter präsentierten.

Es zeichnete sich damit das ab, was Henry Moore, der Juryvorsitzende beim Wettbewerb für ein Auschwitz-Denkmal, bereits 1957 geäußert hatte: dass nur ein Bildhauer vom Format eines Michelangelo oder Rodin der Aufgabe gewachsen wäre, einem Verbrechen „von einer derart ungeheuren Größenordnung“ ein angemessenes Format zu geben. Auch wenn es Pablo Picasso und Ossip Zadkine gelang, die Zerstörung von Guerníca und Rotterdam kongenial figürlich zu erfassen, und auch wenn Alfred Hrdlicka mit seinem Hamburger „Gegendenkmal“ ergreifende Skulpturen schuf, so werden doch letztlich bei allen Themen, die mit den Gräueltaten und Verbrechen während des NS-Zeit verbunden sind, die Grenzen des Darstellbaren erreicht. Angesichts der Dimension des Leids, auf das hingewiesen werden soll, wirkt die abstrakte Hilflosigkeit vieler Denkmäler vielfach nur verharmlosend und damit kontraproduktiv. Die beim Betrachter erweckten Emotionen bleiben selbstbezogen, gerade deshalb ist auch eine Information über die Fakten erforderlich.

Wenn im Land der Täter an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert werden soll, dann gilt als oberste Maxime, zu unterscheiden zwischen einem empathischen Gedenken und „Eingedenken“ (Walter Benjamin) der Opfer und einem von kritischer Reflexion geleiteten Erinnern an die Täter. Nur wenn diese Erinnerung auf Fakten basiert, kann sie zu einer rationalen Auseinandersetzung mit den Tätern und zur Erkenntnis der Ursachen für deren Taten führen. Diesem Ansatz stehen Emotionalisierung und Inszenierung diametral entgegen, denn damit wird die Geschichte instrumentalisiert und für Interessen in Dienst genommen. Inszenierungen sind immer interessengeleitete zeitspezifische Deutungen und zielen darauf, historische Themen „interessant“ und konsumierbar zu machen. Damit aber werden Ereignisse aus ihren komplexen Bedingungszusammenhängen herausgelöst und letztlich in die tägliche mediale Unterhaltung eingereiht, deren Aufmerksamkeits- und Reizwerte kontinuierlich erneuert werden, damit sie wirksam bleiben. Wer glaubt, die Vermittlung der Fakten über den Nationalsozialismus interessant und „aktuell“ machen zu müssen, begibt sich schon auf den Weg der medialen Affirmation und des Konsumierens.

Aus diesem Grund wurde am NS-Dokumentationszentrum München, genauso wie am Erinnerungsort „Topographie des Terrors“, jede Form von Inszenierung abgelehnt. Ziel der Dokumentation in München ist es, die Geschichte des Nationalsozialismus einsichtig zu machen, nur dann kann aus ihr gelernt werden. Einsicht basiert auf Wissen und auf der Kenntnis der Gründe. Deshalb stellt das NS-Dokumentationszentrum München Fragen und liefert Fakten zur Beantwortung. Nur Wissen um die Gründe und die historischen Zusammenhänge kann jenes von Theodor W. Adorno eingeforderte „helle Bewusstsein“ vermitteln, das „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ vermittelt und damit zu einem „Nie wieder“ führen kann. Lernen aus der Geschichte ist nur auf der Basis von Fakten möglich – und nicht durch emotionale oder inszenierte Übertragung von historischen Situationen auf gegenwärtige Probleme. Insbesondere dürfen die Opfer nicht auf eine pädagogische Funktion, beispielsweise als Lernobjekte für politisches Verhalten oder für eine Menschenrechtspädagogik, reduziert werden, sie würden sonst „nach ihrer Entwürdigung und physischen Vernichtung […] als Lernmaterial instrumentalisiert. Die Erinnerung geschieht um der Opfer selbst willen und nicht für irgendeinen anderen Zweck.“ (Hermann Düringer)

Beim obligaten Kunst-am-Bau-Wettbewerb zum NS-Dokumentationszentrum München verstanden es die Gewinner, Benjamin und Emanuel Heisenberg, mit dem Medienkunstwerk „Brienner 45“ sowohl auf die Geschichte des Ortes einzugehen, als auch die Erinnerungs- und Lernarbeit des Zentrums künstlerisch zu unterstützen. Die Medieninstallation präsentiert Texte aus der NS-Zeit, die über Bilddokumente visuell umgesetzt werden. Die historischen Fakten werden in die Bildwelt der Gegenwart transformiert, sie behalten ihre Gültigkeit und zielen auf eine „optische“ Erkenntnis. Dokumentation und Kunstwerk dienen somit beide auf ihre Weise der Aufklärung, um zu einem Lernen aus der Geschichte zu führen und die Funktion eines Erinnerungs- und Lernorts zur Geschichte des Nationalsozialismus zu erfüllen.

Prof. Dr. Winfried Nerdinger war von 1986 bis 2012 Extraordinarius für Architekturgeschichte und Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München sowie Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München, das er bis 2018 leitete.

Deutsche Herrschaft in Griechenland

Von Wolfgang Benz

Die dreieinhalb Jahre deutscher Herrschaft in Griechenland, die der schmählich verlaufenen italienischen Aggression im Herbst 1940 von April 1941 bis Oktober 1944 folgten, bestanden zum einen in der Ausplünderung des Landes, zum anderen in der Konfrontation mit dem Widerstand der Griechen, den die deutsche Besatzungsmacht mit allen Mitteln jenseits des Kriegs- und Völkerrechts zu brechen versuchte. Mit zunehmendem Widerstand steigerte sich die Brutalität des Besatzungsregimes. Nicht nur in Kreta, wo die Präsenz der Wehrmacht bis Mai 1945 andauerte, artete die deutsche Herrschaft in Mordexzesse gegen die Zivilbevölkerung aus. Der ökonomische Druck tat ein Übriges: Mehr als 100.000 Hungertote wurden im Winter 1941/42 gezählt. Am Ende der Okkupation war Griechenland ein verwüstetes Land mit zerstörten Dörfern, unzähligen Toten der Zivilbevölkerung, ökonomisch ausgeplündert und finanziell durch Inflation ruiniert sowie auf lange Jahre durch einen Bürgerkrieg gespalten.

Deutsche Herrschaft über Griechenland als terroristisches Regime lässt sich durch drei Beispiele, die für das Prinzip der Besatzung und für viele weitere Orte stehen, charakterisieren. Die Namen der Dörfer Kommeno, Distomo und Kalavryta sind unauslöschlich mit der deutschen Terrorherrschaft verbunden.

Das Dorf Kommeno in der griechischen Landschaft Epirus hatte ein paar hundert Einwohner. Am 14. August 1943 waren Angehörige der Widerstandsbewegung erschienen und hatten Lebensmittel requiriert. Im Hauptquartier der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht in Joannina wurde gemeldet, dass in Kommeno Partisanen gesichtet worden seien. Der Divisionsstab beschloss eine „exemplarische Überraschungsaktion“. Er entsandte etwa 100 Mann des 98. Regiments zur Vollstreckung. Am Morgen des 16. August 1943 erschienen sie in Kommeno. Sie fanden weder Partisanen vor, noch regte sich irgendwelcher Widerstand. Die Gebirgsjäger-Kompanie wütete trotzdem stundenlang, warf Handgranaten in die Häuser, zündete sie an, zerstörte das Dorf restlos. Unter den 317 Toten waren 172 Frauen und 97 Kinder, 13 unter ihnen etwa ein Jahr alt. Das Morden kommandierte Leutnant Willibald Röser, den Befehl hatte der Major Reinhold Klebe gegeben. Der machte sich die Hände nicht selbst schmutzig. Er wartete vor dem Dorf, bis das Massaker zu Ende war. Dann inspizierte er das Ergebnis.

Die Morde in Kommeno waren kein Akt der Vergeltung und schon gar nicht ein Kampf gegen die griechische Widerstandsbewegung. In München ermittelte die Justiz 1969 wegen der Verbrechen in dem griechischen Dorf. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt mit der Begründung, Kommeno sei ein wichtiges Versorgungszentrum der Partisanen und deshalb ein legitimes militärisches Ziel gewesen. Der Befehlshabende der Aktion konnte sich an keine toten Zivilisten erinnern. Seiner Ernennung zum Kommandeur eines Gebirgsjägerbataillons der neu gegründeten Bundeswehr stand 1956 nichts im Wege. Die Liste der Verbrechensorte der deutschen Gebirgsjäger, die sich mit dem Edelweiß-Symbol schmückten und der Waffen-SS an Grausamkeit ebenbürtig waren, umfasst 315 Namen auf dem Balkan: in Griechenland, Montenegro und Albanien. Seit den Nürnberger Prozessen weiß man davon, auch von den grauenhaften sadistischen Details. Gesühnt sind die Schandtaten nicht.

Distomo in Mittelgriechenland am Fuß des Parnass fiel in einer „Vergeltungsaktion“ am 10. Juni 1944 der SS zum Opfer. Es war der gleiche Tag, an dem Himmlers Elite-Division der Waffen-SS „Das Reich“ das französische Dorf Oradour-sur-Glane dem Erdboden gleichmachte und dabei 642 Menschen ermordete. Distomo wurde als Ort einer „Sühnemaßnahme“ ausersehen, weil griechische Partisanen in der Nähe drei deutsche Soldaten erschossen hatten. Im Gefechtsbericht der 2. Kompanie des SS-Polizeigrenadier-Regiments, dem das Verbrechen zur Last fällt, ist von einer Attacke auf deutsche Soldaten aus dem Dorf Distomo mit Granatwerfern, Maschinengewehren und Gewehren die Rede, worauf der „Angriff mit allen zur Verfügung stehenden Waffen“ befohlen worden sei. Nach der „Säuberung“ seien „250 bis 300 tote Bandenangehörige und Bandenverdächtige gezählt“ worden. Tatsächlich war es die Zivilbevölkerung des Ortes. 218 Personen wurden erschossen, mit dem Bajonett erstochen, Kinder wurden bestialisch massakriert, Frauen vergewaltigt und verstümmelt. Ein Überlebender des Massakers in Distomo, der damals vierjährige Argyris Sfoundouris, beschreibt als alter Mann sein Überlebenstrauma: „Als wir kleine Kinder waren, erzählten uns die Omas, was beim Massaker passiert war. Ich hatte in meinen Alpträumen nie Angst vor der Dunkelheit oder vor bösen Hexen, nein – ich fürchtete mich vor den Deutschen. Ich habe sie vor mir gesehen, ich hörte die Stiefel, dass sie hochkommen im Haus. Und meine Mama und keine Familie mehr und dann wurde ich wach.“

Das Landgericht Bonn sprach im Juni 1997 zu den Ereignissen in Distomo ein Urteil, das nicht strafte und nichts sühnte. Aufsehen und Entrüstung über das Vorgehen griechischer Behörden erregte dagegen das Urteil eines griechisches Gerichtes, das im Herbst 1997 die Bundesrepublik zur Zahlung von Schadenersatz in Höhe von 37,5 Millionen Euro verurteilte und die Pfändung des Goethe-Instituts in Athen und der Villa Vigoni, einer weiteren deutschen Kultureinrichtung in Italien, zu ermöglichen schien. Diese Gefahr wurde mit diplomatischen und juristischen Mitteln gebannt.

Der bekannteste Verbrechensort ist Kalavryta im Norden des Peloponnes. Am 13. Dezember 1943 verübte die 117. Jägerdivision der Wehrmacht dort eine Vergeltungsaktion, bei der 25 Ortschaften niedergebrannt und insgesamt 674 Männer (darunter Jugendliche) sowie 22 Frauen und Kinder getötet wurden. Dass es sich um Mord jenseits der Regeln der Haager Landkriegsordnung handelte, wurde im Nürnberger Prozess gegen die Südost-Generäle (Fall 17) ausdrücklich festgestellt. Dass unter den Tätern in der 117. Jägerdivision der Wehrmacht unverhältnismäßig viele Österreicher waren, wurde in den 1980er-Jahren publik, als der Bundespräsident der Republik Österreich, Kurt Waldheim, wegen der Kriegsverbrechen der Wehrmacht ins Gerede kam und international geächtet wurde.

Deutsche Besatzungsherrschaft war an sich, ohne Exzesse von Militärs, systematische Unterdrückung. Als Instrument der Repression diente eine Haftstäte, die strukturell und nach den Methoden einem KZ entsprach. Das Lager Chaidari existierte seit Sommer 1943 am Rand Athens an den Hängen des Hymettos. Die von einer Mauer umgebene Kaserne war bis zum 8. September, dem Tag der Kapitulation Italiens, von den italienischen Streitkräften als Gefängnis benutzt und dann der Wehrmacht übergeben worden. Wenig später übernahm es die SS. Die offiziell als „Durchgangshaftlager“ bezeichnete Einrichtung unterstand seit 20. Oktober 1943 dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS), SS-Standartenführer Dr. Walter Blume. De facto war das Lager Chaidari ein KZ, mit der Funktion als Terrorinstrument gegen Angehörige des griechischen Widerstands, streikende Arbeiter, des Gewahrsams italienischer Kriegsgefangener und der Disziplinierung griechischer Zivilbevölkerung. Bis zur Befreiung ein Jahr später sind dort etwa 20.000 Griechen von der deutschen Besatzungsmacht drangsaliert worden. Inhaftiert waren auch willkürlich zu Geiseln Genommene; das Lager diente außerdem als Durchgangsstation für Juden, die aus Griechenland in die Vernichtungslager in Polen deportiert wurden. Legendär waren die Bewohner des „Saals 1“, zweihundertsechzig politische Gefangene, insbesondere Kommunisten, die bereits gegen die Diktatur des Generals Metaxas vor der Okkupation Griechenlands Widerstand geleistet hatten. Zweihundert dieser Männer wurden als Repressalie für ein Attentat auf einen deutschen General am 1. Mai 1944 erschossen.

Der griechische Schriftsteller Themos Kornaros hatte sich der Résistance angeschlossen und war nach den üblichen Folterungen im Athener SS-Hauptquartier in Chaidari inhaftiert. Er veröffentlichte bald nach der Befreiung seine Erinnerungen. Kornaros erkannte den Zweck des Lagers, den Widerstand der Griechen zu brechen: „Unterwerfung der griechischen Seele, Versklavung unseres Volkes, Ausmerzung des griechischen Selbstbewußtseins – so lautete der Plan. Er forderte die Schaffung des Lagers Chaidari, das Sklaven und Verräter erziehen, das ein Laboratorium zur Züchtung von Spezialbazillen für die Verbreitung der Panikpest unter der griechischen Bevölkerung sein sollte.“

Das Lager Chaidari diente freilich nicht nur der heimtückischen Zerrüttung des griechischen Widerstands. Es war auch eine Stätte des Holocaust, eine Relaisstation auf dem Weg nach Auschwitz. Themos Kornaros berichtet von der Ankunft der Juden aus Rhodos. Etwa 1800 Menschen, die acht Tage mit dem Schiff nach Piräus unterwegs waren und nun, in der Gluthitze des griechischen Sommers in Chaidari ankommen. Sie wissen nicht, was ihnen geschieht. Hungrig, durstig und verzweifelt sind sie. Nicht nur das Wasser, um das sie flehen, wird ihnen verweigert. Als sie unruhig werden, fallen SS-Männer über sie her, prügeln, töten nach Belieben, rauben die letzten Werte, Schmuck, Münzen, brechen ihnen die Zähne aus, wenn sie Goldkronen haben. Nach einigen Tagen solcher Qualen werden sie nach Polen weitertransportiert. Das Ziel ist Auschwitz.

Eine Episode des Judenmords, die Deportation vier junger Frauen aus Rhodos nach Auschwitz und von dort nach Deutschland in den Lagerkomplex Kaufering und zuletzt ins KZ Dachau, fasst alle Aspekte der Tragödie zusammen: die fanatische Ideologie, die Absage an Humanität und Zivilisation, die vermeintlichen Notwendigkeiten von Macht, Expansion und Okkupation auf der Seite der Täter und die sozialen, kulturellen und humanen Dimensionen des wehrlosen Erfahrens und Erleidens von Politik und Ideologie durch die Opfer. Die vier Frauen aus Rhodos, Sara Benatar, Anne Cohen, Giovanna und Laura Hasson verfassten gemeinsam einen Bericht über ihre erzwungene Reise, die Grausamkeiten und Demütigungen, die vernichtende Ausbeutung ihrer Arbeits- und Lebenskraft, die sie aus einem einzigen Grund erlitten, dem, dass sie Jüdinnen waren. Ihr Bericht beweist erstens den obsessiven Aspekt der Ideologie des Antisemitismus, zeigt zweitens die politische und ökonomische sowie militärische Sinnlosigkeit dessen, was den Juden zugemutet wurde. Denn weder der Besatzungszweck der griechischen Insel machte die Deportation der Juden notwendig, noch gab es eine militärische Notwendigkeit oder einen ökonomischen Zwang zu der Maßnahme, die Juden aus Rhodos zu evakuieren. Schließlich sprach auch der Zeitpunkt – Sommer 1944 – gegen die Aktion. Militärisch war der Krieg für Deutschland längst verloren, Kräfte in die ideologischen Ziele der scheiternden deutschen Expansion zu stecken war abgesehen von der Sinnlosigkeit a priori selbstzerstörerisch. Die Juden aus Rhodos wurden nach Auschwitz deportiert, um dort vernichtet zu werden. Judenfeindschaft war also noch im Untergang des Regimes dessen stärkster Motor. Aber keineswegs nur fanatische Antisemiten beteiligten sich am Judenmord in Griechenland, wie das Zusammenwirken von Wehrmacht, Besatzungsbürokratie, Bediensteten der Eisenbahn und vieler anderer mit den eigentlichen Tätern, der SS, dem KZ-Personal, den Ideologen und den Bürokraten lehrt.

Zu den Hypotheken deutscher Besatzungsherrschaft in Griechenland gehören auch nicht geleistete Reparationen. Jenseits völkerrechtlicher Probleme und deren Lösungen in Abkommen und Verträgen der Nachkriegsjahrzehnte, von der Londoner Schuldenkonferenz 1952 bis zum Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990 sind viele Griechen von einer nicht nur moralischen, sondern auch finanziellen Schuld Deutschlands überzeugt. Sie setzt sich zusammen aus Ansprüchen aus der Verwüstung des Landes, der ausgebliebenen Entschädigung für die Angehörigen und Nachkommen der Opfer von Kriegsverbrechen, aus einer Zwangsanleihe der griechischen Zentralnotenbank zugunsten des Deutschen Reiches 1942–1944. Dem Bewusstsein, leer ausgegangen zu sein, entsprangen die Versuche, die Immobilien des Goethe-Instituts in Athen und der Villa Vigoni in Italien als Pfänder für materielle Wiedergutmachung der durch „Sühnemaßnahmen“ zerstörten Dörfer und getöteten griechischen Bürger in Besitz zu nehmen. Die gleiche Ursache hatte zweifellos auch die Diffamierung der deutschen Kanzlerin, die als Nazi-Bestie in griechischen Zeitungen karikiert war, als Griechenland in der Finanzkrise die Macht der Europäischen Union und der Bundesrepublik spüren musste. Die als politisches Mittel vorgebrachten Reparationsforderungen wurden in einer unwürdigen Pressekampagne skandalisiert und offiziell ignoriert bzw. mit dem Hinweis auf völkerrechtliche Regelungen abgewiesen.

Prof. Dr. Wolfgang Benz war bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, er ist u.a. Sprecher des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.