Diskussionsbeiträge und Medienberichte

Gedenken, Erinnern, vor allem jedoch Kennenlernen

Von Wolfram Meyer zu Uptrup

Der Beitrag ist erschienen in: DIALOG Nr. 129, 03/2019, Dezember 2019

Gedenken ist moralisch geboten. Aber wir sollten wissen, wessen wir gedenken und warum. Und wir sollten mehr wissen, als nur über die schrecklichsten Jahre der gemeinsamen deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte

Berlin, 1. September 2019, vormittags am Askanischen Platz. Auf der Freifläche südlich der ruinösen Fassade des Anhalter Bahnhofes versammelten sich knapp zweihundert Menschen, um eine Gedenkfeier für die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung 1939 bis 1945 abzuhalten. Wer nun von den Anwesenden durch die leeren Fenster der Bahnhofsfassade nach Nord-Osten blickte, konnte das ehemalige Deutschland-Haus erkennen, heute eine Baustelle, noch immer von Baugerüsten umgeben Hier werden rund 60 Millionen Euro für die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ausgegeben, damit diese dort ein Dokumentationszentrum betreiben kann. Die bisherigen Vorhaben in der kurzen Geschichte dieser Stiftung haben weniger für Versöhnung als für Zwietracht gesorgt. Die letzte Ausstellung wurde sogar eingestampft, weil sie das Thema grob verfehlt hatte. Die Bundesstiftung wurde gegründet, obwohl nach dem Bundesvertriebenengesetz bereits neun Einrichtungen und vier Institute in Deutschland finanziert werden.

An diesem 1. September gedachten Deutsche gemeinsam mit Polen des Kriegsbeginns und der polnischen Opfer von Krieg und Besatzung. Ob allen Teilnehmern bewusst war, dass an diesem Tag ein recht widersprüchliches Bild deutscher Vergangenheitspolitik geboten wurde, hier die kleine Gedenkveranstaltung für die polnischen Opfer – gegenüber das millionenschwere Vertriebenen-Projekt?

Das Gedenken an die Opfer Polens zu Zeiten von Krieg und Besatzung ist moralisch und politisch geboten. Wir zeigen dadurch, mit welchen moralischen und politischen Maßstäben wir Geschichte bewerten und Gegenwart gestalten wollen. So begrüßenswert es ist, dass in Berlin Nachfahren der Täter gemeinsam mit den Nachfahren der Opfer der Opfer der Untaten ihrer Vorfahren gedachten, so sollte man sich doch vorab über ein paar Fragen Rechenschaft abgelegt haben. Dazu zählt nicht nur, wessen hier konkret gedacht werden solle. Möglicherweise muss man sich mit dem Erschrecken über die Untaten der Deutschen und ihrer Helfer und der Trauer über die Opfer auch auf einer abstrakteren, moralischen Ebene bewegen.

Eindeutiger wird das Gedenken dann, wenn die Nachfahren der Überfallenen und Opfer zum Gedenken einladen. So war der Bundesaußenminister zum Gedenktag für den Warschauer Aufstand am 1. August 2019 nach Polen eingeladen worden, der Bundespräsident und die Kanzlerin zum Gedenken an den Kriegsbeginn einen Monat später. Endlich wurde in Deutschland auch das Gedenken an den ersten Terrorangriff im Zweiten Weltkrieg, auf die Zivilbevölkerung der Kleinstadt Wieluń, wahrgenommen.

Das waren Gedenkfeiern, die Polen abhielt, und es ist eine zweifellos noble Geste, dass sie die Nachkommen der damaligen Aggressoren einluden. Sie wussten, dass die Deutschen heute die Zeit von Krieg und Besatzung genauso beurteilen und verurteilen, wie die Polen und anderen Europäer auch. Einigkeit in dem Blick auf die Geschichte und in der Bewertung der Ereignisse und Verbrechen war die Voraussetzung für die an die deutsche Seite ausgesprochenen Einladungen. Bezeichnend: Da es diese Einigkeit mit Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion, die Polen am 17. September 1939 ebenfalls überfiel, nicht gibt, war auch Russland im Jahr 2019 nicht mit vertreten in Warschau, Danzig oder Wieluń.

Wenn nun schon seit einigen Jahren immer wieder ein Denkmal oder ein Gedenkort in der deutschen Hauptstadt Berlin für die polnischen Opfer des Krieges und der Besatzung gefordert wird, so sollten wir uns zunächst darüber Klarheit verschaffen, in welchem politischen Konzept die Errichtung eines Denkmals geschehen könnte und welche Ziele wir mit diesem Projekt in dem übergreifenden politischen Prozess einer Politik der Verständigung verfolgen könnten oder wollen. Aus meiner Sicht ordnet sich dieses Projekt in einen gesellschaftlichen und politischen Prozess ein, den man „Versöhnungspolitik“ nennen könnte. Diese besteht aus drei Phasen, die an die biblischen Motive von Buße und Umkehr anknüpfen.

Die erste Phase ist das vorbehaltlose Anerkennen dessen, was geschah. In unserem Zusammenhang bedeutet das, gemeinsam die Geschichte zu betrachten und zu bewerten. Wenn die Bewertungen zu weit auseinanderliegen, ist es schwer bis unmöglich, die nächsten Schritte zu gehen.

Im Hinblick auf den Verständigungsprozess zwischen Deutschland und Polen sind wir doch recht weit vorangekommen. Die historische Wissenschaft beider Länder beschreibt die Ereignisse von Krieg und Okkupation einhellig, auf Foren wie der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission wurden Kontroversen in vielen Detailfragen abgebaut, das deutsch-polnische Schulbuchprojekt „Europa. Nasza Historia“/ „Europa. Unsere Geschichte“ ist ein deutliches Zeichen, wie erfreulich weit wir in der Verständigung über die Vergangenheit vorangekommen sind. Politische Kooperation gibt es beispielsweise im Rahmen der Deutsch-Polnischen Regierungskommission und der Oderpartnerschaft. Die Verständigung über das, was geschah, wird abgeschlossen von einem Schuldeingeständnis, und dieses eröffnet den weiteren Weg

In der zweiten Phase kann man Gemeinsames für die Gegenwart und Zukunft finden und vereinbaren, das zusammen anzustreben. Im Hinblick auf das deutsch-polnische Verhältnis ist viel geschehen, der Nachbarschaftsvertrag von 1990, die Gründung des Jugendwerkes, das Engagement für den Beitritt zu NATO und Europäischer Union. Abgesehen von einer stetigen Weiterentwicklung im Bereich der Wirtschaft, was auch die Arbeitsmigration einschließt.

Die dritte Phase als letzten Schritt kann man nicht einseitig planen und auch nicht alleine beginnen. Was hier geschieht, geschehen kann, ist als Geschenk zu verstehen, und es ist nicht möglich, es einzufordern oder einzuklagen: Versöhnung stellt sich ein, wenn das Vertrauen und die Gemeinsamkeiten gewachsen sind.

 Die Phasen sind idealtypisch zu verstehen, in der gesellschaftlichen und politischen Realität werden immer wieder Elemente aus jeder Phase in gegenwärtigen Situationen sichtbar und wirksam sein. Vielleicht ist es sogar so, dass in der politischen Wirklichkeit die Phasen eins und zwei nicht enden und in der Gegenwart immer präsent sind. Dennoch ist die Abfolge von Anerkenntnis, Annäherung und Versöhnung nicht umzukehren.

Wenn wir den Prozess der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zum Vergleich heranziehen, dann steht fest: Schon der erste Schritt ist noch nicht abgeschlossen, denn immer wieder kommen historische Themen auf, über die wir uns mit den Nachbarn neu und detailliert verständigen müssen, zudem muss jede Generation den Annäherungsprozess erneut aufnehmen und nachvollziehen. Dennoch war es möglich, eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten zu finden und gemeinsam politische Prozesse voranzubringen. Frankreich ist über Jahrzehnte in die deutsche Alltagskultur eingetreten, über breit angelegtes Sprachenlernen im Westen Deutschlands, über Kultur, Literatur, Theater, Filme und über Philosophie. Politisch ist die Zusammenarbeit seit den Zeiten von Robert Schuman und Konrad Adenauer, die als Personen für das Programm der deutsch-französischen Aussöhnung standen, weit vorangeschritten.

Im Hinblick auf Polen war eine Annäherung bis 1989 durch den Eisernen Vorhang stark behindert. Bis heute bestehen in Deutschland bei der Akzeptanz von polnischer Sprache, Kultur und Lebensart Defizite im Vergleich zu Frankreich. Weder wird die polnische Sprache in einem nennenswerten Umfang gelernt, ihr hängt das Odium an, „schwierig“ zu sein, noch werden polnische Kultur, Lieder, Theater, Filme, Philosophie oder Literatur in einem großen Maße in Deutschland rezipiert. Nicht nur das: Der Prozess der Verständigung über die Geschichte wurde über Jahrzehnte immer wieder durch Vertriebenenverbände (bis in die jüngste Zeit) und kommunistische Propaganda (bis 1989) gestört und hintertrieben. Viele Initiativen aus dem Vertriebenenspektrum sind heute darauf ausgerichtet, zu dokumentieren und zu forschen wie die Stiftung Brandenburg, die in Frankfurt (Oder) ein Haus für die Geschichte des historischen Ostbrandenburg eröffnen möchte. Doch noch immer ist es möglich, den Verständigungsprozess zu stören. Das ist aus historiografischer Sicht auch leicht verständlich. Wenn man einen Guckkasten mit dem Namen „Vertreibung“ konstruiert und durch ihn auf komplexe geschichtliche Prozesse blickt, dann bleibt schnell alles rechts und links des Guckkastens unberücksichtigt. Anders gesagt: Vertreibungen sind immer Ereignisse in der Schlussphase längerer historischer Prozesse, die für die betroffenen Menschen mit viel Unbill und Leid verbunden sind. Sie sind aber historisch und moralisch nicht ohne die vorangegangene Interaktion zu sehen, die vielfach hasserfüllt und feindlich war. Deswegen ist es wenig ertragreich, Vertreibungen zu vergleichen, denn sie geschehen seit biblischen Zeiten immer in ähnlich schrecklicher Weise. Relevant und interessant vergleichbar sind die Prozesse, die letztlich zu Vertreibungen führen oder geführt haben. Und diese vergleichende Betrachtung historischer Prozesse kann vielleicht zur Verständigung führen. Der verkürzende Blick auf Vertreibung eo ipso lässt nur das eigene Leid einseitig gelten und verschließt sich der Prozesshaftigkeit und Multiperspektivität von Geschichte. Das Gesagte trifft vor allem auf die Situation der Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik zu, im Falle der DDR stellte sich die Politik gegenüber den „Umsiedlern“ anders dar, um in Abgrenzung zur als Hort von Nazis denunzierten Bundesrepublik den eigenen antifaschistischen Gründungsmythos pflegen zu können.

Das von vielen Mitstreitern geforderte Projekt eines Denkmals oder Gedenkortes, das in die Entwicklung einer Versöhnungspolitik eingeordnet ist, könnte eine Verbindung zwischen der ersten und der dritten Phase darstellen. Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang „Gedenken“? Wenn die Polen ihrer Opfer unter den Vorfahren gedenken, ist die Sache eindeutig. Schwieriger ist es, wenn die Nachfahren der Täten der Opfer ihrer Vorfahren gedenken wollen. Werden hier nicht die historischen und auch die politischen Rollen unscharf? Die Bundesrepublik – und sie wäre bei einem Denkmal das handelnde Subjekt – ist Rechtsnachfolger des Dritten Reiches, das all dieses Leid, die Zerstörung und die Opfer verursacht hat. Wir haben hier in Deutschland, in Berlin die Orte der Täter, das Reichskriegsministerium, das Gelände des Prinz-Albrecht-Palais und viele andere. Sie unterscheiden sich sehr von den Tatorten, an denen die Opfer zu beklagen sind, wie beispielsweise Wieluń, Warschau, Majdanek, Sobibór und viele andere. Wenn in Berlin ein Gedenkort für die polnischen Opfer eingerichtet wird, wer ist dann in dieser Sache Subjekt und wer ist Objekt? Was jedenfalls ausgeschlossen sein sollte, sich über das Gedenken an die Opfer irgendwie auf die andere Seite in der Geschichte zu schleichen.

Wenn Gedenken auch Teil einer nationalen Identitätspolitik ist, in der sich Deutsche von Polen unterscheiden, dann kann daraus dennoch ein verbindendes Moment werden, wie die Besuche deutscher Politiker bei den polnischen Gedenkveranstaltungen im Sommer 2019 zeigten. Ein Gedenken mag vielleicht in kulturell und national relativ homogenen Gesellschaften zu eindeutigen moralischen und politischen Aussagen führen. In multikulturellen Gesellschaften europäischer Länder löst sich jedoch – entgegen den Intentionen nationalistischer Politik – eine nationale Identität in Uneindeutigkeit auf. Für Einwanderer und binationale Familien ist die an eindeutig nationalen Identifikationen orientierte Gedenkpolitik offenbar nicht konzipiert. So stellt sich auch für ein Gedenkprojekt in Berlin die Frage, was es für die heute in der Stadt lebende multikulturelle Gesellschaft bedeuten könnte. Vielleicht ist das Gedenken im Rahmen nationaler Identitäten ja wirklich ein Generationenphänomen, das junge Europäer, Deutsche, Polen, Franzosen anders empfinden als die Generation, die in Zeiten des Kalten Krieges politisch sozialisiert wurden.

Die historischen Ereignisse in den Jahren nach dem Überfall auf Polen sind nach wie vor in Deutschland kaum oder wenig bekannt. Ein Gedenken setzt in jedem Falle voraus, dass hinreichend klar ist, wessen gedacht werden soll und in welchem historischen Kontext. Dazu ist es aber zunächst notwendig, einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen, in dessen Verlauf sich eine Volonté générale bezüglich des Gedenkens an die polnischen Opfer herausbilden könnte.

Wenn wir den Diskussionsprozess vor dem Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas als Vergleich heranziehen, dann sehen wir, wie viele Diskussionsbeiträge in jenen Jahren es gab, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten – so lange, bis sich eine gesellschaftliche Mehrheit für den Bau des Denkmals aussprach. Ob sich das heute, angesichts des Rumorens in der rechtsextremen Ecke noch so erreichen ließe? Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas hatte also einen intensiven diskursiven Vorlauf, und es steht heute auch nicht allein da: Integriert ist ein „Ort der Information“, der basale Daten zum dem Denkmal zugrunde liegenden Jahrhundertverbrechen liefert.

Aus den geschilderten Gründen lautet die Schlussfolgerung: Ein Gedenkort für die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung ist sinnvoll, aber nicht ausreichend. Wenn wir einen Gedenkort als ein Element im Prozess von Versöhnungspolitik verstehen, dann sollte er einen Punkt zum Ende verschiedener Maßnahmen und Diskurse darstellen, die gemeinsam erklären, um welche historischen Ereignisse es sich handelt. Diese historischen Ereignisse sind aber so komplex wie monströs, dass ein kurzer Widmungstext am Denkmalssockel nicht genügen kann.

Um den Prozess einer Politik der Verständigung mit Polen, die auf Versöhnung hofft, in Deutschland weiter fördern zu können, sollten wir über Instrumente und Möglichkeiten nachdenken. Und hier erscheint ein Ort in Berlin, an dem Information, Begegnung, Diskurs, Lernen und eben auch Gedenken möglich ist, ein vielversprechendes Projekt zu sein. Er sollte facettenreich sein wie ein Museum, das so besucherorientiert ist und moderne Mittel einzusetzen weiß wie das Estnische Nationalmuseum in Tartu, das wie das British Museum in London Ausstellungsstücke präsentiert und sie hervorragend in vielen Sprachen erklärt, und das die Lebenswirklichkeit von Polen und Deutschen reflektiert, wie es vielleicht nur in Berlin möglich ist. Und in dieser Stadt könnte das Museum auch eine über ein traditionelles Museum hinausgehende Funktion erfüllen, als Ort der Begegnung und der Diskussion, als eine Art Akademie, in der auch relevante Gegenwartsthemen gemeinsam durchdacht werden.

Natürlich soll ein Museum die Geschichten von musealen Exponaten erzählen und erklären und darüber geschichtliche Zusammenhänge deutlich machen. Insbesondere ist es wichtig, den Horizont zu weiten und die ganzen rund 1000 Jahre der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte in den Blick zu nehmen. Viele Stationen dieser Geschichte lassen sich erzählen. Einen thematischen Überblick bieten aktuell die fünf Bände „Deutsch-Polnische Erinnerungsorte“, die von Robert Traba und Hans Henning Hahn herausgegeben wurden.

Etwas paradox erscheint vor dem Hintergrund des verbreiteten Nichtwissens über Polen das Interesse an deutsch-polnischer Geschichte. Der Zuspruch zur Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland“ 2011/2012 im Gropiusbau in Berlin zeigte es deutlich. Zuvor erfreute sich auch die Ausstellung „Deutsche und Polen. Abgründe und Hoffnungen“ im Jahr 2009 im Deutschen Historischen Museum in Berlin eines großen Zulaufs. Diese Ausstellung des DHM könnte durchaus als Nukleus einer Ausstellung im Museum für Deutsch-Polnische Geschichte(n) dienen, wie sich überhaupt eine Zusammenarbeit mit dem DHM für dieses Museum anbietet.

Das Museum für deutsch-polnische Geschichte(n) könnte in Berlins Mitte liegen, dort, wo auch Berlin-Besucher vorbeikommen, gerne auch am Askanischen Platz. Es könnte leicht mit einer ganzen Anzahl von geschichtsträchtigen Orten in dieser Stadt verbunden werden, die ja auch durch polnische Soldaten 1945 befreit wurde. Solche Orte in Berlin wären zum Beispiel:

– das Reichskriegsgericht in der Witzlebenstraße, wo viele polnische Bürger zum Tode verurteilt wurden;

– der Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit gegenüber dem Hauptbahnhof. In der Kirche des noch im Bau befindlichen Gefängnisses fand der sogenannte Polenprozess im Jahr 1847 statt. Im letzten Kriegsjahr diente das Zellengefängnis Moabit der SS und Gestapo als Gefängnis, in dem auch Widerstandskämpfer aus dem In- und Ausland inhaftiert waren;

– das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, beide betreffen auch Polen;

– das „Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten“ in Friedrichshain ist selbst ein historisches Artefakt, interpretationsbedürftig, da es eine ideologiegeleitete Geschichtsdarstellung präsentiert;

– an der Heerstraße liegt der Britische Soldatenfriedhof, auf dem auch polnische Piloten begraben sind;

– die Gedenkstätte Plötzensee in der ehemaligen Hinrichtungsstätte, in der Menschen aus allen Teilen des deutsch besetzten Europas starben, darunter über 250 Polen;

– das Denkmal für die Soldaten der 1. Polnischen Armee, Division „Tadeusz Kościuszko“ in Hohen Neuendorf liegt in Brandenburg, ebenso wie die Denkmäler für polnische Opfer im Konzentrationslager Sachsenhausen (u. a. General Stefan Paweł Rowecki „Grot“, inhaftierte und ermordete Priester und inhaftierte polnische Professoren der Jagiellonen-Universität Krakau).

Vielleicht wird das Museum für deutsch-polnische Geschichte(n) diese Orte in und um Berlin auch mittels eines Programms für Mobilgeräte (Applikation) verbinden, damit Besucher die deutsch-polnischen Aspekte dieser Orte entdecken können.

Warum also ist ein Denkmal für die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung nicht ausreichend? Weil zunächst die mit dem Denkmal verbundene Geschichte zu wenig im Bewusstsein der Deutschen präsent ist. Weil die Nachfahren der Täter auch heute noch in einer anderen Rolle sind als die Nachfahren der Opfer. Weil es politisch und moralisch für die Täternachfahren nur ehrlich möglich ist, das Erschrecken über die Untaten der Vorfahren zu äußern. Weil es geboten ist, sich an die Seite der Opfer zu stellen, aber nicht, sich auf ihre Seite zu stellen. Weil eine Kategorisierung der Opfer nationalsozialistischer Verbrechen nach heutigen nationalen Kriterien systematisch nicht überzeugend ist und ob der Schwierigkeiten auch kaum zu einem die Deutschen und ihre Europäischen Nachbarn verbindenden Gedenken führen kann. Weil es bezogen auf die deutsch-polnische Verständigung zu wenig ist, vielmehr sollten auch die weiteren 1000 Jahre der Beziehungsgeschichte thematisiert werden.

Die Deutsch-Polnischen Gesellschaften, von denen viele sich seit rund fünf Jahrzehnten für die Verständigung engagieren, haben dazu beigetragen, dass ihre Hoffnungen und Ziele für die Gestaltung der Nachbarschaft zu einem bedeutenden Teil erreicht wurden. Sie haben ein gesellschaftliches Klima in Deutschland mitgestaltet, das zu einer Unterstützung des Nachbarlandes und (zeitweise) enger Kooperation mit Polen führte. Es gilt nun, das Errungene nicht zu riskieren, sondern auszubauen, den Verständigungsprozess auch weiterhin zu gestalten und zu entwickeln. Auf dem zivilgesellschaftlichen Feld gibt es sicher noch einige Möglichkeiten, doch sollten wir auch über neue Strukturen und Orte der Begegnung mit Menschen, Geschichte und Kultur für die Nachbarn nachdenken. Hier könnte das Projekt eines Museums für deutsch-polnische Geschichte(n) in Berlin ein Forum bieten, auf dem wir gemeinsam mit unseren polnischen Nachbarn die Verständigung und das gegenseitige Verstehen voranbringen können und sollen.

Wolfram Meyer zu Uptrup , Historiker und Theologe, leitete von 2006–2012 das Deutsch-Polnische Geschichtsbuch-Projekt und arbeitete in der Deutsch-Polnischen Regierungskommission mit; er ist stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin und Mitglied im Vorstand im Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaften.

Versöhnen, nicht spalten

Die Erinnerungskultur braucht eine europäische Perspektive und keine Nationalisierung des Gedenkens

Von Detlef Garbe

Im Vorfeld des Bundestagsbeschlusses vom 25. Juni 1999 zur Errichtung des „Holocaust-Mahnmals“ hatten sich Abgeordnete der Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP darauf verständigt, das Denkmal allein den ermordeten Juden zu widmen. Mit dieser Festlegung setzte sich die nach 20-jähriger gesellschaftlicher Debatte errungene Erkenntnis durch, dass es sich bei der Shoah um ein in seiner Monstrosität und Ungeheuerlichkeit singuläres Verbrechen gehandelt hat. Es habe sich mithin um ein, wie auch im zuvor geführten „Historikerstreit“ der 1990er-Jahre betont worden sei, unvergleichliches Menschheitsverbrechen gehandelt. Die deutsche Schuld an diesem staatlich organisierten und arbeitsteilig ausgeführten Genozid, am millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden, könne und dürfe nicht durch Verweise auf andere Völkermordverbrechen relativiert werden. Hieran wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier keinen Zweifel aufkommen lassen. Das von dem Förderkreis um Lea Rosh und Eberhard Jäckel geforderte Mahnmal sollte im Zentrum von Berlin, seit 1999 Sitz von Parlament und Regierung des vereinten Deutschland, ein unmissverständliches und unübersehbares Zeichen des Eingeständnisses der Schuld des nationalsozialistischen Deutschland für den Holocaust sein, ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Anders als 1996 bei der Proklamation des 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ durch Bundespräsident Roman Herzog, der hierbei eine Initiative von Ignatz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, aufgriff, war mit dem „Holocaust-Mahnmal“ kein alle Opfergruppen einschließender Ansatz gewählt. Um den Vorbehalten gegenüber dem exkludierenden Charakter des Mahnmals zu begegnen, legte schon der Beschluss des Bundestags zur Denkmalserrichtung fest, dass die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet bleibe, auch der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken. Dieser Gedanke fand entsprechend auch Eingang in das Gesetz zur Errichtung der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ vom 17. März 2000, das den Stiftungszweck des Baus und Betriebs des Denkmals im § 2 Absatz 3 erweiterte: „Die Stiftung trägt dazu bei, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und ihre Würdigung in geeigneter Weise sicherzustellen.“

Auch wenn damit keineswegs der Weg zu Denkmalen für andere Opfergruppen vorgezeichnet war, entstanden nach und nach unter dem Dach der Stiftung weitere durch den Bundestag beschlossene zentrale Erinnerungszeichen, gewissermaßen nationalstaatliche Monumente eines je gesonderten Opfergedenkens. In der Bundestagsdebatte vom 25. Juni 1999 hatte Norbert Lammert, der spätere Bundestagspräsident und damalige kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, vergeblich dafür gestritten, das Mahnmal den ermordeten Juden Europas und allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen zu widmen. Mit einer solchen Weitung der Widmung für das zentrale Mahnmal könnte vermieden werden, so führte Lammert aus, dass die Entscheidung „der Beginn einer Serie von Folgeentscheidungen für die Errichtung weiterer Denkmäler für andere Opfergruppen und damit verbundenen unvermeidlichen Auseinandersetzungen über Ort, Größe und Gestaltung“ werde (Plenarprotokoll 14/48, 4089).

Zu solchen Auseinandersetzungen ist es auch dank des umsichtigen Agierens der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Kommunikation mit den verschiedenen Opferverbänden nicht oder nur am Rande gekommen. Wirkmächtig waren sie jedenfalls nicht. Nach der Einweihung des von Peter Eisenman konzipierten Stelenfelds mit dem Ort der Information auf einer fast 20.000 qm großen Fläche der ehemaligen Ministergärten südlich des Brandenburger Tores im Mai 2005 folgten – dem Gewicht der jeweiligen politischen Unterstützung entsprechend – Bundestagsbeschlüsse zur Errichtung weiterer Denkmäler für nichtjüdische Opfergruppen. Zunächst entstand auf der dem Stelenfeld gegenüberliegenden Seite an der Ebertstraße 2008 das „Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“. 2012 folgte südlich des Reichstags im Tiergarten das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“. 2014 wurde am historischen Ort der Zentrale für die „T4-Aktion“, der Tiergartenstraße 4, in Nachbarschaft der Philharmonie der „Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ eingeweiht.

Schon die Denkmalsetzungen für die ermordeten Juden Europas und für die ermordeten Sinti und Roma sind so angelegt, dass Orte der Information bzw. Ausstellungsbereiche das jeweilige Denkmal ergänzen. Der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde ist in sich schon ein Hybrid aus Denkmal und Ausstellung. Noch deutlicher fiel der Schwerpunkt in Richtung Information bei einer weiteren Opfergruppe aus, deren Verfolgungsschicksal durch die Stiftung Denkmal bundesseitig eine Würdigung erfuhr. Die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz sprach sich für die Entwicklung einer Wanderausstellung aus, die anstelle eines statischen Denkmals in anderer Weise der 30.000 Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“ gedenkt, die nach Todesurteilen der Wehrmachtjustiz hingerichtet wurden. Die 2007 in Berlin eröffnete Ausstellung „Was damals Recht war … – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ wurde seither in 50 Städten gezeigt, dabei oft um lokale Besonderheiten und teilweise umfassende Begleitprogramme ergänzt. In Österreich trug die Ausstellung zur Aufhebung der Urteile und zur Anerkennung der Deserteure bei, in Luxemburg entfachte sie eine Debatte über die nach der Angliederung an das Reich zwangsweise in die Wehrmacht rekrutierten Soldaten. Im Februar 2020 hat der Bundestag beschlossen, auch zur Geschichte der von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten eine modulare Ausstellung erarbeiten zu lassen, „die historische Information und gedenkendes Erinnern verbindet“ (Drucksache 19/14342).

Gedenkorte für weitere größere – wie die Opfer der NS-Lebensraumpolitik – oder kleinere Opfergruppen – wie die Zeugen Jehovas – befinden sich in der Diskussion. Seit Langem werden auch Forderungen nach einem Mahnmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus erhoben. So erklärte der hoch angesehene Auschwitz-Überlebende und ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski am Tag nach der Einweihung des Denkmals für den NS-Völkermord an Sinti und Roma, dass nun auch ein Mahnmal in der deutschen Hauptstadt folgen müsse, das an die von Deutschen gegenüber den Polen geführte Vernichtungspolitik erinnere (Die Welt, 25.10.2012). Fünf Jahre später, im November 2017, forderte eine von dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen Florian Mausbach angeführte Initiative mit Unterstützung prominenter Befürworter wie Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse die Errichtung eines Denkmals zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung zwischen 1939 und 1945. Als Standort für das Denkmal wurde der Askanische Platz direkt gegenüber dem künftigen Dokumentationszentrum der vom Bund eingerichteten „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ vorgeschlagen. Zwei Jahre später, zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, berichtete die Presse, dass inzwischen 240 Abgeordnete aus allen Fraktionen im Bundestag (mit Ausnahme der AfD) den Aufruf unterstützen, ein Mahnmal für die polnischen NS-Opfer zu errichten. Die Süddeutsche Zeitung zitierte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der zu den Unterzeichnern gehört, mit den Worten: „Ein solches Denkmal wird dazu anregen, sich stärker mit dem polnischen Leid unter deutscher Besatzung und dem NS-Terror zu beschäftigen“ (SZ, 26.8.2017).

Hätten zu Beginn des Jahres 2020 nicht die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Vorbereitungen für die Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft überlagert, so wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass der Bundestag einem entsprechenden Antrag zur Errichtung eines „Polen-Denkmals“ gefolgt wäre. Nun aber wird erst einmal im Kulturausschuss beraten und dabei das Für und Wider abgewogen. Und dies ist sicher der bessere Weg, als unter dem Eindruck anstehender Jahrestage einen Beschluss zu fassen, der geschichtspolitisch eine Reihe von weiteren Denkmalsprojekten nach sich ziehen dürfte. Zwar wäre die Entscheidung für ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung 1939 bis 1945 für unsere polnischen Nachbarn ein Zeichen, dass die langjährige Ignoranz großer Teile der deutschen Bevölkerung und auch der Politik gegenüber der besonderen Leidensgeschichte Polens nunmehr ihr Ende finden soll. Tatsächlich dürfte eine solche Entscheidung vor dem Hintergrund eines in den zurückliegenden Jahren zunehmend angespannten polnisch-deutschen Verhältnisses und der Bedeutung Polens für die angeschlagene Europäische Union aber vor allem außenpolitisch motiviert sein.

Von den Befürwortern eines Polen-Denkmals wird darauf hingewiesen, dass die brutale Besatzungspolitik, die bereits kurz nach dem Überfall mit Massenerschießungen begann, deren Ziel die Versklavung der polnischen Bevölkerung war und die in der über fünfjährigen Besatzung annähernd sechs Millionen Opfer (einschließlich der polnischen Jüdinnen und Juden) forderte, in Deutschland bis heute viel zu wenig bekannt ist. Dies ist gewiss richtig und beklagenswert. Historisch-politische Aufklärung geschieht aber nicht durch Denkmäler. Sie sind Orte des Bekennens, nicht des Erkennens. Sie setzen Wissen um die Geschichte voraus.

Die deutsche Besatzung traf Polen besonders erbarmungslos. Aber eine lange brutale Besatzungszeit kannte auch die Tschechoslowakei, Massenerschießungen fanden auch in den baltischen Staaten, in Russland, in Belarus und der Ukraine statt, grausame Massaker gehörten im Westen und insbesondere im Südosten Europas zum Instrumentarium der deutschen Herrschaft. Schon melden sich Stimmen aus der Ukraine und Belarus, die Denkmäler für die Opfer aus diesen Ländern fordern, deren Blutzoll kaum geringer als der polnische war. Die bissige Vision von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen, der Ende der 1990er-Jahre eine „Gedenkmeile“ im Tiergarten heraufziehen sah, könnte nun also durch unterschiedliche nationale Erinnerungszeichen Wirklichkeit werden.

Sicherlich haben Denkmäler wichtige Wirkungen, doch beschränken sie sich im Wesentlichen auf den politischen Prozess ihrer Durchsetzung und ihren Manifestationswert, später dann auf das rituelle Gedenken, vornehmlich im Rahmen von Veranstaltungen und zu offiziellen Anlässen. Das persönliche Trauern sucht hingegen den konkreten Ort, an dem die Eltern, Groß- oder Urgroßeltern gelitten haben oder zu Tode kamen. Hierfür dienen Grabstätten und Gedenkstätten besser als hauptstädtische Denkmäler.

Gerade die Erfahrungen in den Gedenkstätten zeigen, dass Denkmäler zwar wichtig sind, das affektive wie das kognitive Lernen aber durch die Begegnung mit den historischen Spuren, in Ausstellungen und insbesondere in der Annäherung an Biografien erreicht wird. Auch die Gedenkstätten verfügen in der Regel über eine Vielzahl von kleinen Denkmalen, die einzelnen Opfergruppen und Häftlingsnationen gewidmet sind. Sicherlich spielen diese für die aus den jeweiligen Staaten anreisenden Besucherinnen und Besucher eine Rolle, sie suchen sie in der Regel auf. Zu berücksichtigen ist hierbei aber, dass in den KZ-Gedenkstätten zentrale, allen Opfern gemeinsam gewidmete Mahnmale errichtet worden sind. Ihre Entstehung ist vor allem dem Engagement der internationalen Lagerkomitees zu verdanken. Die zentralen Mahnmale grenzen die Gefahr der Segregation des Gedenkens ein. Die einzelne Gruppe, die jeweilige Nation wird als Teil eines gemeinsamen Opferkollektivs wahrgenommen. In der Regel legen ausländische Besucherinnen und Besucher deshalb zweimal Blumen nieder, am Stein oder Denkmal für die jeweilige Nation und am internationalen Mahnmal.

Es kommt deshalb wesentlich darauf an, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus das Verbindende und die Kontexte herauszustellen, zum Beispiel die gemeinsame Erfahrung, Opfer eines rassistisch geprägten Eroberungs- und Raubkriegs und einer durch die nationalsozialistische Herrenmenschenideologie bestimmten Besatzungsherrschaft geworden zu sein. Gewiss unterschieden sich die jeweiligen Verhältnisse, machte es beispielsweise einen gewichtigen Unterschied, inwieweit es der Besatzungsverwaltung gelang, sich auf Verbündete und Kollaborateure stützen zu können. Überhaupt waren die Strukturen der Besatzung mannigfaltig. Es gab keinen Masterplan, vieles war situativ, je nach Land, selbst nach Region und Stadt unterschiedlich. So wie letztlich jedes einzelne Opferschicksal besonders war. Erst in der Gesamtschau fügen sich die individuellen Bilder und die regionalen Spezifika zu einem Ganzen. Für die Betrachtung der deutschen Besatzungsherrschaft und ihrer Opfer ist die gesamteuropäische Perspektive deshalb unverzichtbar.

Der nunmehr vom Deutschen Polen-Institut und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam eingebrachte Vorschlag, Formen des symbolischen Gedenkens mit einem Dokumentations- und Bildungszentrum zu verbinden, weist in die richtige Richtung. Ein Denkmal, das den Überfall auf Polen als Beginn des Zweiten Weltkriegs (zumindest auf dem europäischen Kriegsschauplatz) zum Ausgangspunkt hat, dann aber durch mehrsprachige Widmungen in den Sprachen der besetzten Länder auch eigene Annäherungen an ein Denkmal ermöglicht, wäre ein gemeinsames Erinnerungszeichen mit vielfältigen Zugängen. Auch ein Dokumentationszentrum mit einer mehrsprachigen Ausstellung, die in ihren übergreifenden Teilen die historischen Kontexte herausstellt und in deren Zentrum ähnlich strukturierte Länderkapitel stehen, die idealerweise in Kooperation mit Forschungseinrichtungen oder Museen aus den jeweiligen Staaten entwickelt werden, könnte trotz oder sogar wegen der gebotenen Differenzierungen die Verbindungslinien ziehen, anstatt nationalstaatliche Abgrenzungen zu befördern. Die Ergänzung um eine Bildungsstätte mit berufsbezogenen internationalen Begegnungsprogrammen würde Voraussetzungen dafür schaffen, die Erfahrungen des in weiten Teilen durch Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus, durch Krieg und Unterwerfung bestimmten 20. Jahrhunderts für das historische Lernen im 21. Jahrhundert nutzbar zu machen und gemeinsame europäische Perspektiven zu entwickeln.

Die Begrenzung auf ein alleiniges „Denkmal für die polnische Opfer“ dürfte hingegen die geschichtspolitischen Deutungskämpfe und die ohnehin starken Tendenzen zur Renationalisierung des Gedenkens noch weiter stärken. Es ist zudem abzusehen, dass weitere Denkmale für nationale Opfergruppen folgen werden. Der Anspruch auf ein Denkmal im Zentrum Berlins für die acht Millionen ukrainischen NS-Opfer (einschließlich der ukrainischen Jüdinnen und Juden) ist bereits angemeldet worden; Botschafter Andrij Melnyk erklärte dazu am 8. Mai 2020: „Von nun an werden wir nicht mehr bitten, sondern fordern, dass diese ukrainischen Opfer des deutschen Versklavungskrieges endlich würdig geehrt werden“ (Deutschlandfunk, 8.5.2020).

Die oft gerühmte bundesdeutsche Erinnerungskultur darf eine „Renationalisierung“ der Geschichtsbilder und Opferkonkurrenzen nicht befördern. Sie muss der Aufklärung verpflichtet bleiben, sie muss versöhnen, nicht spalten. Und der Maxime folgen, dass allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen unser Gedenken gilt. Das sind die Deutschen von heute den Opfern der damaligen Deutschen schuldig.

Prof. Dr. Detlef Garbe ist Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und war zuvor Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Annexion, Repression, „Germanisierung“: Deutsche Besatzungsziele in Luxemburg

Von Beate Welter

Nach der Besetzung Luxemburgs am 10. Mai 1940 richteten die Deutschen zunächst eine Militärverwaltung ein, die aber am 29. Juli 1940 von einer Zivilverwaltung abgelöst wurde. Chef der Zivilverwaltung wurde Gustav Simon, Gauleiter des Gaus Koblenz-Trier. Ziel der folgenden Besatzungspolitik war die Auflösung Luxemburgs als unabhängiger Staat und die Eingliederung in das Deutsche Reich. Als Mittel dazu diente die rigorose „Germanisierung“ des Landes, die durch verschiedene Anordnungen wie die Sprachenverordnung vom 6. August 1940 und die Einführung der deutschen Rechtsprechung im „Namen des deutschen Volkes“ am 26. August 1940 durchgesetzt werden sollte. Die unmittelbar nach der Besetzung gegründete Volksdeutsche Bewegung (VdB), an deren Spitze Damian Kratzenberg stand und der alle Beamten beitreten sollten, flankierte das Vorhaben.

Noch im August wurde das Einsatzkommando Luxemburg (EKL) installiert, das sich aus Geheimer Staatspolizei, Kriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst der SS (SD) zusammensetzte. Alle als „politisch“ ausgewiesenen Fälle wurden von der Gestapo übernommen, für die einfachen Kriminalfälle war die Kriminalpolizei zuständig und der SD arbeitete im nachrichtendienstlichen Bereich. Der Leiter des EKL war in Personalunion auch Leiter der Staatspolizeidienststelle Trier.

Bis zum 10. Mai 1940 lebten etwa 3700 Juden in Luxemburg. Beim Einmarsch der deutschen Truppen flohen rund 1500 von ihnen nach Frankreich. Im August 1940, unmittelbar nach Errichtung der Zivilverwaltung, wurden Schritte unternommen, die rechtliche Lage der Juden und Jüdinnen in Luxemburg derjenigen im Deutschen Reich anzupassen. Jüdischen Medizinern und Juristen sollte die Ausübung ihres Berufs verboten werden, Juden sollten aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden. Mit der Verordnung über Maßnahmen auf dem Gebiet des Judenrechts vom 5. September 1940 übernahm die Zivilverwaltung grundlegende Bestimmungen der Nürnberger Gesetze. Gleichzeitig erließ sie die Verordnung über das jüdische Vermögen in Luxemburg, mit der die jüdische Bevölkerung aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und Betriebe arisiert wurden.

Bis Oktober 1941 war es noch möglich, nach Spanien, Portugal oder auch Frankreich in Konvois zu emigrieren, dies wurde sogar von deutscher Seite unterstützt. Bis zum letzten Transport, der am 15. Oktober 1941 Luxemburg verließ, gelang es 1450 Menschen, außer Landes zu kommen. Die noch im Land Verbliebenen sollten nach und nach in dem im Norden des Landes gelegenen Cinqfontaines/Fünfbrunnen zusammengefasst werden. Mit dem ersten Deportationszug wurden am 16. Oktober 1941 331 Juden und Jüdinnen nach Litzmannstadt und viele von ihnen weiter nach Chełmno (Kulmhof) verschleppt und dort ermordet. In den folgenden sieben Zügen, der letzte verließ Luxemburg am 17. Juni 1943, wurden die noch in Luxemburg lebenden 683 Juden und Jüdinnen in die Ghettos Theresienstadt und Litzmannstadt sowie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Nur 43 Menschen überlebten.

Die Personenstandsaufnahme vom 10. Oktober 1941 sollte der Besatzungsmacht einen Überblick über die Bevölkerung geben, die sich neben Luxemburgern hauptsächlich aus Italienern, Franzosen und Belgiern zusammensetzte. Zu diesem Zweck wurden Fragen nach der Staatsangehörigkeit, der Muttersprache und der Volkszugehörigkeit gestellt. Die Zivilverwaltung erwartete nach verschiedenen Appellen und Drohungen auch in der Presse, dass die Luxemburger diese drei Fragen jeweils mit „deutsch“ beantworten würden. Die Auswertung erster Stichproben der Befragung ergab aber, dass die Antwort mehrheitlich dreimal „luxemburgisch“ lautete. Daraufhin wurde die Personenstandsaufnahme abgebrochen.

Die Maßnahmen gegenüber dem luxemburgischen Widerstand, der sich seit Beginn der Besatzung formiert hatte und der bei der Personenstandsaufnahme mit allen Mitteln versucht hatte, die Bevölkerung zu beeinflussen, „luxemburgisch“ einzutragen, verschärften sich. So wurden bis Ende November 1940 über 200 Personen verhaftet und in die Gefängnisse von Luxemburg-Stadt, und Esch/Alzette deportiert.

Am 30. August 1942 wurde die Wehrpflicht für Luxemburger der Jahrgänge 1920 bis 1924, später bis zum Jahrgang 1927, eingeführt und zeitgleich eine Regelung über die Verleihung der Staatszugehörigkeit verfügt. In Umkehrung des Völkerrechtes verliehen die Besatzungsbehörden erst nach Einberufung zur Wehrmacht die Staatsbürgerschaft. Erfasst wurden 15.409 junge Männer, zur Wehrmacht einberufen 10.211. Als gefallen gelten 1775 und als vermisst 1250 Soldaten. Luxemburger wurden hauptsächlich an der Ostfront eingesetzt, denn das Misstrauen ihnen gegenüber bei einem Einsatz in Westeuropa war sehr groß. Obwohl bekannt war, dass die Angehörigen in Sippenhaft genommen würden und eine Umsiedlung drohte, entzogen sich über 3500 (29,14 %) junge Männer der Wehrmacht, sei es, dass sie vor der Einberufung unterzutauchen versuchten –  in Luxemburg „Refraktäre“ genannt –, oder dass sie, schon zur Wehrmacht zwangseingezogen, flohen oder während des Heimaturlaubes untertauchten.

Trotz des Misserfolgs bei der Personenstandsaufnahme war der Chef der Zivilverwaltung Gustav Simon bis Ende August 1942 davon überzeugt, aus den Luxemburgern mit erzieherischen Maßnahmen „gute“ Deutsche im nationalsozialistischen Sinne machen zu können. Erst der Streik als Reaktion auf die Ausrufung der Wehrpflicht am 30. August änderte seine Haltung. Eine Verhaftungswelle überschwemmte das Land, in kürzester Zeit wurden 150 Luxemburger in das SS-Sonderlager verschleppt. Das kurzfristig eingesetzte Standgericht fällte 20 Todesurteile, die in unmittelbarer Nähe des SS-Sonderlagers vollstreckt wurden. Die Angehörigen der nach Hinzert verschleppten Widerstandskämpfer wurden nach Niederschlesien, u. a. in die Lager Leubus, Schreckenstein, Mittelstein und Boberstein umgesiedelt. Insgesamt gab es 28 Umsiedlungslager in Niederschlesien, im Sudetenland und im Hunsrück. Der erste Transport verließ Luxemburg am 17. September 1942, bis Ende des Jahres waren 250 Familien betroffen. Die von September 1942 bis August 1944 durchgeführten Umsiedlungen sollten den luxemburgischen Widerstand brechen. Von 1943 an waren hauptsächlich die Angehörigen der Refraktäre und der Fahnenflüchtigen betroffen. Hinzu kamen Intellektuelle und höhere Beamte, die als geistige Urheber des Widerstandes galten. Insgesamt wurden im Zeitraum von knapp zwei Jahren 1138 Familien umgesiedelt. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, eine Rückkehr war nicht vorgesehen.

Bis in den Sommer 1941 wurden verschiedene Widerstandsgruppen in zahlreichen Gemeinden des Landes gegründet, die meist nur wenige Mitglieder, allerdings einen ständigen Kontakt untereinander hatten. Gemeinsam war ihnen der Wunsch, ein freies und unabhängiges Luxemburg unter der Führung der Großherzogin Charlotte wiederherzustellen. Ihre Widerstandstätigkeit bestand u. a. in der Unterstützung der Angehörigen von verhafteten Oppositionellen, dem Anschluss an die französische Résistance, der Weigerung, den Anforderungen der deutschen Besatzung bei der Volkszählung zu entsprechen, der Hilfe für flüchtige alliierte Kriegsgefangene und abgeschossene alliierte Piloten, der Weitergabe der von Großbritannien aus gesendeten Botschaften der Großherzogin, vor allem aber in der Unterstützung der Refraktäre und Fahnenflüchtigen. 3963 Luxemburger und Luxemburgerinnen wurden in Zuchthäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt, 1600 von ihnen in das nahe Luxemburg gelegene SS-Sonderlager Hinzert.

Die angegebenen Zahlen der Luxemburger, die von den verordneten Maßnahmen betroffen waren, mögen für sich genommen nicht sehr hoch erscheinen. Setzt man sie jedoch in Relation zur Gesamtbevölkerung Luxemburgs von 296.776 (1939), so ergibt sich, dass 1,33 % der Einwohner in Zuchthäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt und 1,41 % umgesiedelt wurden.

Dr. Beate Welter ist Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert.

Dokumentieren, Lernen und Gedenken

Von Elke Gryglewski

Wenn man den Sinn eines Ortes für symbolisches Gedenken, für die Dokumentation der Ereignisse und für Bildungsangebote zur deutschen Besatzung in Europa diskutiert, sollte man einen größeren Kontext berücksichtigen.

Zunächst findet die Diskussion vor dem Hintergrund des Umgangs mit den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen statt, der sich durch viele Ambivalenzen auszeichnet. Einerseits gibt es das Bekenntnis einer politischen Mehrheit, die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ein Bekenntnis, das sich neben mündlichen Bekundungen bei Gedenktagen, in der materiellen Unterstützung zahlreicher Gedenkstätten und Gedenkinitiativen manifestiert. Andererseits werden Stimmen lauter, die eine Kehrtwende im Erinnerungsdiskurs fordern oder die Verbrechen der Nationalsozialisten relativieren und leugnen. Obwohl der vorgeschlagene Ort eine wichtige Antwort auf solche geschichtsrevisionistischen Vorstöße ist, soll hier jedoch nicht weiter darauf eingegangen werden, denn auch ohne sie ist die Situation komplex.

Angesichts der größer werdenden Distanz zu den historischen Ereignissen besteht eine wachsende Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Forschung zu den regionalen und personellen Gegebenheiten in den unterschiedlichen europäischen Ländern bei der Umsetzung der Besatzungs- und Völkermordpolitik und dem Wissen um die Vergangenheit in der sogenannten normalen Bevölkerung. Hier fehlt – in unterschiedlichem Maße – oft nicht nur das Verständnis für die Dimension der Verbrechen. Mehr noch, der Mord an Jüdinnen und Juden steht, zugespitzt formuliert, vielfach wie eine Formel für etwas, das mit assoziativen Bildern oder Metaphern – Vergasen, Konzentrationslager, Hitler oder Gelber Stern – in Verbindung gebracht wird. Dass es eine Ungleichzeitigkeit der Verfolgungsmaßnahmen in West- und Osteuropa gab, dass die Härte der Maßnahmen u. a. abhing von der „rassistischen Bewertung“ einer Bevölkerung oder dass die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden eingebettet war in ein europaweites System geopolitischer Strategien und völkischen Machtdenkens, von Besatzung, Verschleppung, Zwangsarbeit und Mord anderer Gruppen – das gehört häufig nicht zum Wissenshorizont. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt dies jedoch wesentlich an der immer geringer werdenden Zeit, die im Geschichtsunterricht dem Thema Nationalsozialismus gewidmet werden kann. Und es liegt an der bleibend „nationalen“ Perspektive bei der Vermittlung der Geschichte. Während einerseits von der europäischen oder sogar globalen Dimension des Nationalsozialismus gesprochen wird, präsentieren Schulbücher sie – entgegen den Empfehlungen mehrerer binationaler Schulbuchkommissionen – aus einem vornehmlich deutschen nichtjüdischen Blick.

Auch besteht eine Diskrepanz in der Berichterstattung zu unterschiedlichen Gedenktagen. Während der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz einen großen Raum einnimmt, gibt es keine, oder nur seltene, Berichte zu Befreiungstagen anderer Konzentrations- und Todeslager in Europa oder zu Gedenktagen an die in den unterschiedlichen Ländern verübten Massaker.

Das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz ist von zentraler Bedeutung und muss es weiterhin bleiben. Gleichzeitig ist es jedoch sinnvoll, auch von anderen Orten zu berichten, um neben dem Symbol für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden weitere Verbrechensorte konkret werden zu lassen und – vor allem – um ein geografisches Verständnis für die Ausbreitung deutscher Gewaltherrschaft zu schaffen.

Soll das politische Bekenntnis auch gesellschaftlich getragen sein, bedarf es unterschiedlicher Institutionen und Maßnahmen, die an eine große Bandbreite spezifischer Ereignisse erinnern und gleichzeitig das Fundament für das Erinnern – das Wissen um die Ereignisse – pflegen und ausbauen. Dabei kommt den Gedenkstätten, Denkmälern und den historischen Museen eine wichtige Rolle zu. Durch ihre Arbeit, ihre Ausstellungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote beeinflussen sie den Diskurs und die mediale Berichterstattung. Gleichzeitig verankern sie die Erinnerung gesellschaftlich durch ihre physische Präsenz. Der Wille, sich die Vergangenheit über den Besuch historischer Orte zu erschließen, ist bei vielen Menschen vorhanden. Das zeigen die steigenden Besucherzahlen in allen NS-Gedenkstätten und Denkorten zum Nationalsozialismus.

Dass im Rahmen von gelungenen Bildungsveranstaltungen und Projekten der Gedenkstätten ein vertieftes und differenziertes Wissen erwachsen und eine weitere Motivation zur Beschäftigung entstehen können, bestätigen unzählige Broschüren, Websites und Theaterstücke sowie Befragungen derjenigen, die sich lange im Themenfeld engagieren. Zum Gelingen einer Veranstaltung trägt oft die konkrete Geschichte des Ortes bei. Man beschäftigt sich nicht irgendwo mit der Geschichte, sondern nimmt Ereignisse auch auf der Meta-Ebene wahr. Es ist für viele etwas Besonderes, an dem Ort zu sein, an dem sich die erzählte Geschichte zugetragen hat. Die Spuren der Baracken zu sehen, in denen Häftlinge untergebracht waren, und gleichzeitig Informationen zum Repressionssystem zu hören, ist etwas grundsätzlich anderes, als die gleichen Informationen in einem Lehrbuch zu lesen. An dem Ort zu sein, an dem im Januar 1942 eine Besprechung zur Organisation des systematischen Massenmords von elf Millionen Jüdinnen und Juden stattfand, ist beim Zuhören für viele Besucherinnen und Besucher von großer Bedeutung. Und selbst an einem geschaffenen Ort, wie dem Denkmal für die ermordeten Juden, verbindet sich die Geschichte der Verfolgung mit der Geschichte der Auseinandersetzung um den Ort und führt so bei den Zielgruppen zu einer anderen Aufmerksamkeit. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätten ist bewusst, dass nicht jedes im Rahmen eines Bildungsangebots präsentierte Detail im Gedächtnis der Gäste haften bleibt. Doch zeigen Umfragen, dass viele die Besuche dieser Orte nicht nur als gewinnbringend betrachten, sondern auch für grundsätzlich wichtig erachten.

Aufgrund all dieser Überlegungen handelt es sich bei dem angedachten Ort zur Erinnerung an die Besatzungsherrschaft in ganz Europa in Gestalt eines Dokumentationszentrums um eine sinnvolle Ergänzung der Berliner und deutschen Gedenkstättenlandschaft. Mit seinen drei geplanten Elementen würde er eine nachhaltige Beschäftigung mit der Geschichte ermöglichen. Durch die Darstellung der deutschen Besatzung in unterschiedlichen Ländern werden die Besucher sich an einem Ort mit vielfältigen Opfergruppen, Tatkomplexen und Tätergruppen befassen und die europäische Dimension der Geschichte wahrnehmen können. Anders als in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo die Perspektive wesentlich auf die Verbrechen der Verwaltung bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden gerichtet ist, oder dem Denkmal für die ermordeten Juden, wo die Schicksale verfolgter jüdischer Familien aus Europa im Zentrum stehen, wird das Gewicht hier auf der Besatzung europäischer Länder liegen. Dadurch kann ein Bewusstsein geschaffen werden für die andauernden Verletzungen und die bleibenden Verunsicherungen vieler europäischer Gesellschaften im Umgang mit einer vermeintlich oder real zu selbstbewusst auftretenden deutschen Bevölkerung.

Die Erzählung der Entstehungsgeschichte wird ebenfalls eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen, weil dabei gleichzeitig auf den komplexen Weg des Umgangs mit der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte eingegangen werden muss. Am Denkmal, das auf das Dokumentationszentrum verweist werden Einzelgäste und Gruppen, die nach dem Erfahrenen und Gelernten der Opfer gedenken wollen, einen Ort für Zeremonien finden. So trägt schließlich auch dieses Element zur gelungenen Verbindung zwischen Dokumentieren, Lernen und Gedenken bei.

Dr. Elke Gryglewski ist stellvertretende Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Polens Zweiter Weltkrieg

Von Stephan Lehnstaedt

Die deutsche Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg und die mit ihr untrennbar verbundenen Verbrechen werden seit über 75 Jahren intensiv erforscht. Doch die nationalen Aufmerksamkeitsökonomien sind in Polen und Deutschland gänzlich unterschiedlich gelagert und führen zu mehr oder minder getrennten öffentlichen Diskursen. So debattiert die Geschichtswissenschaft in Deutschland und auch in den angloamerikanischen Ländern seit etwa 20 Jahren die Kontinuitäten deutscher bzw. preußischer Polenpolitik vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus, wobei immer wieder auf angebliche Vorläufer bzw. Vorbilder Hitlers hingewiesen wurde. Doch was westlich der Oder eine anregende Kontroverse darstellt, löst auf polnischen Konferenzen nur ein Gähnen aus, zu offensichtlich erscheinen dort – auch aus der familiären Erinnerung heraus – die Unterschiede der deutschen Herrschaftsformen.

Anstatt die Ursachen für die Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus deutschen Traditionen zu erklären, liegt der Fokus dort auf dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939. Das Abkommen der beiden Diktatoren sah eine Aufteilung Osteuropas vor und sicherte Deutschland vor einem Mehrfrontenkrieg ab. Die Kriegsvorbereitungen selbst waren zu diesem Zeitpunkt schon nahezu abgeschlossen; für Hitler hing der Angriff auf Polen nicht von Stalin ab, sondern war ein längst entschiedenes Vorhaben: Lediglich den ursprünglichen Termin vom 26. August verschob er um wenige Tage.

Die polnischen Interpretationen dieser Sachverhalte stellen auf ganz andere Dinge ab. Dabei geht es weniger um die deutsche Alleinverantwortung als vielmehr um die Tatsache, dass sich die beiden Erbfeinde Deutschland und Russland einmal mehr gegen das zwischen ihnen liegende Polen verbündeten und Westeuropa nichts dagegen tat. Über die Politik der Sowjetunion, die am 17. September in Ostpolen einmarschierte und bis Juni 1941 ebenfalls als brutaler Besatzer herrschte, wird ähnlich intensiv geforscht wie über die des nationalsozialistischen Deutschland. Von den Sowjets wurden mindestens 150.000 Polen ermordet, dazu kommen weitere Hunderttausende, die von Raub, Umsiedlungen und anderen Formen der Verfolgung betroffen waren.

Zugleich erfährt der Totalitarismus als wissenschaftliche Analysekategorie eine populistische Aufwertung, indem er auf die aktuelle Außenpolitik und vorgebliche deutsch-russische Kooperationen zum Nachteil Polens – etwa die Ostseepipeline Nord Stream II – übertragen wird. Die aktuelle Gedenkpolitik in Polen, und allgemein im östlichen Europa, postuliert eine doppelte und doppelt gleiche Leidensgeschichte unter nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft.

In Deutschland sind diese Sachverhalte weitgehend unbekannt und interessieren die Öffentlichkeit – wohl aufgrund der eigenen Täterschaft – wenig. Doch auch die Kenntnisse über den „Polenfeldzug“ 1939 sind als eher gering einzuschätzen, selbst wenn sich in der Wissenschaft Jochen Böhlers Deutung vom „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ durchgesetzt hat. Alleine die Einsatzgruppen ermordeten in den ersten Monaten des Krieges etwa 60.000 Menschen, wobei zunächst hauptsächlich ethnische Polen unter den Opfern waren. Wie bei den Sowjets galt das nationalsozialistische Vorgehen zunächst der Ausschaltung einheimischer Eliten und trug nicht von ungefähr den Namen „Intelligenzaktion“. Hervorzuheben ist dabei die Kooperation deutschstämmiger Polen, die vorzugsweise im „Volksdeutschen Selbstschutz“ organisiert und gerade im Westen des Landes aktiv waren.

Geplant war zwar das Ende der polnischen Nation, nicht aber eine vollständige Vernichtung der Polen: Tatsächlich wurden während des Kriegs keine Überlegungen in dieser Hinsicht angestellt. Allerdings war in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus völlig klar, dass eine slawische Bevölkerung höchstens die Rolle von Knechten für die deutschen Siedler im Osten einnehmen durfte: Das waren die Ideen vom „Lebensraum“ im Osten und einer „Germanisierung“ bis hin zum Ural, die der „Generalplan Ost“ pseudowissenschaftlich vortrug. Alleine aus dem sogenannten Warthegau wurden mindestens 280.000 Menschen ins Generalgouvernement verschleppt. Zu nennen sind außerdem die „Aktion Saybusch“ und insbesondere die „Aktion Zamosc“, ein exemplarischer Versuch der „Germanisierung“ auf einem relativ kleinen Gebiet um die gleichnamige Stadt im Südosten Polens mit über einhunderttausend Deportierten.

Es gibt kaum einen Tatkomplex deutscher Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, bei dem ethnische Polen nicht einen großen Teil der Opfer ausmachten. Etwa 1,9 Millionen Polinnen und Polen wurden zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt, darunter 300.000 Kriegsgefangene; weitere Hunderttausende waren in ihrer Heimat eingesetzt. Die wirtschaftliche Ausplünderung und der Hunger der Bevölkerung nahmen dramatische Folgen an: Die offiziellen Nahrungsmittelrationen erreichten im Generalgouvernement 1944 die Hälfte der Menge, die bei überwiegend sitzender Tätigkeit benötigt wird. In den anderen Jahren lagen sie noch darunter, 1941 und 1943 etwa bei rund 850 Kalorien pro Tag.

Infolge direkter Gewaltanwendung starben die Menschen in Konzentrationslagern wie Majdanek oder Auschwitz – alleine dort waren etwa 80.000 ethnische Polinnen und Polen unter den Toten – oder bei der Widerstandsbekämpfung. Was die Deutschen als „Bandenkampf“ bezeichneten, war freilich weniger das Vorgehen gegen tatsächlich bewaffnete Partisanen als vielmehr die unterschiedslose Vernichtung ganzer Dörfer und ihrer Einwohner. Mindestens 769 Weiler und Dörfer wurden zerstört, die Opferzahl dieser „Pazifizierung“ liegt zwischen 35.000 und 40.000.

Darin sind die Toten des Warschauer Aufstands vom Sommer 1944 nicht enthalten: Nach 63 Tagen erbitterter Kämpfe in der Hauptstadt waren mindestens 150.000 Opfer zu beklagen, davon alleine 30.000, die Deutsche unter dem Befehl von Heinz Reinefarth im Stadtteil Wola zwischen dem 5. und 7. August massakrierten. Zu diesen zivilen Toten kamen etwa 15.000 getötete Kämpfer der aufständischen Armia Krajowa (Heimatarmee), die oftmals als reguläre Kombattanten und dann auch als Zivilisten behandelt wurden.

Eine nochmals tödlichere Form nahm die nationalsozialistische Judenpolitik an. Doch sogar sie zielte im besetzten Polen zunächst nicht auf einen Genozid ab. Die Ghettoisierung fand statt, um eine Separation von jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung zu erreichen, nicht zuletzt, weil die Juden als notorische Krankheitsträger, ja als personifizierte Krankheit galten. Die weitere Entwicklung war regional unterschiedlich und zeigt deutlich den Spielraum der deutschen Regionalinstanzen. Gerade weil sich Ideen wie eine komplette Umsiedlung der Juden angesichts des fortdauernden Krieges als unrealistisch erwiesen, entwickelten sich verschiedene Ansätze zu einer wirtschaftlichen Ausbeutung, die auf eine „Produktivierung“ der Ghettos – einen Arbeitszwang für deren Insassen – hinausliefen. Zugleich sollten die Juden möglichst wenig Lebensmittel verbrauchen, damit mehr für den Export nach Deutschland übrig blieb. Hunger gehörte zu den deutschen Besatzungszielen, was wiederum zu Seuchen führte, sodass alleine im Warschauer Ghetto vor dem Einsetzen der Deportationen von mindestens 90.000 Toten auszugehen ist.

Doch selbst aus nationalsozialistischer Logik kann von einem rationalen Vorgehen keine Rede sein. Bei all den widerstreitenden Interessen obsiegte im Frühjahr und Sommer 1942 die SS, die auf den Massenmord drängte. Im Warthegau war zu diesem Zweck bereits das Vernichtungslager Kulmhof entstanden (150.000 Ermordete), dazu kamen bald die unter der Verantwortung von Odilo Globocnik stehenden „Aktion-Reinhardt“-Lager Belzec (470.000), Sobibor (180.000) und Treblinka (900.000 Ermordete). Zu diesen Toten kommen diejenigen, die bei den Ghettoräumungen erschossen wurden oder in den Deportationszügen starben.

An jenen Orten war der Anteil der nicht aus Polen stammenden Opfer vergleichsweise gering, anders als im Falle von Auschwitz-Birkenau, wo von den etwa 960.000 jüdischen Toten rund 650.000 nicht aus Polen kamen. Über 200.000 jüdische und nichtjüdische Häftlinge haben die verschiedenen Lager in Auschwitz wieder verlassen – viele von ihnen starben in Außenlagern, auf Todesmärschen usw. –, aber dennoch konnten Tausende darüber berichten, während den Lagern der „Aktion Reinhardt“ lediglich etwa 150 Menschen entkamen. Ihre Stimmen finden wenig Gehör.

In kommunistischer Zeit gab die Propaganda die Gesamtzahl von insgesamt sechs Millionen ermordeten Einwohnern Vorkriegspolens aus, weil damit explizit die Parität jüdischer und nichtjüdischer Opfer verbunden war. Dieses wirkmächtige Narrativ wird bis heute gepflegt, zwar nicht offiziell von staatlicher Seite, aber es bleibt unwidersprochen und wird gerne angenommen. Die geschichtspolitische Implikation von drei Millionen ermordeten ethnischen Polen ist durch die Fakten jedoch nicht gedeckt, lediglich die Zahl von 2,9 bis 3 Millionen getöteten polnischen Jüdinnen und Juden hat Bestand.

Das Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau hat 2009 eine Gesamtschätzung aller Toten aus Polen in den Grenzen von 1939 vorgelegt, wonach zwischen 5.470.000 und 5.670.000 Menschen von den Deutschen ermordet wurden. Auszugehen ist von 1,55 Millionen ermordeten ethnischen Polen; weitere 100.000 Polen wurden durch ukrainische Nationalisten mit stillschweigender Duldung der deutschen Besatzer ermordet. Die Toten anderer Ethnien in Polen – etwa Belarussen, Litauer und Ukrainer (von denen wiederum etwa 40.000 durch polnische Nationalisten getötet wurden) – betragen annähernd eine Million, darunter nicht zuletzt 50.000 Roma sowie 60.000 Angehörige der deutschen Minderheit.

Eine Debatte über die polnische Beteiligung am Holocaust wird in Polen seit Jan Gross’ 2001 erschienenem Buch über die „Nachbarn“ im ostpolnischen Jedwabne, die 340 ihrer jüdischen Mitbürger beim deutschen Einmarsch 1941 in einer Scheune verbrannten, erbittert geführt. In den staatlichen Museen sind kritische Perspektiven zum polnischen Verhalten nicht präsent. Das zentrale Narrativ ist das vom Widerstand als kollektiver nationaler Tat – etwa im Museum des Warschauer Aufstands, das 2004 als erstes der inzwischen wie Pilze aus der Erde schießenden neuen Geschichtsmuseen eröffnete; es ehrt die fast 400.000 Angehörigen der Armia Krajowa, der größten Widerstandsorganisation des Kontinents. Die Zelebration von Heldenmut geht hier einher mit einer Verdammung des kommunistischen Untergrunds sowie der Sowjetunion, die den Aufständischen eine eigentlich ungewollte Hilfe bei der Selbstbefreiung tatsächlich nicht gewährte.

Dr. phil. habil. Stephan Lehnstaedt ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin.

Europäische Erfahrungen mit deutscher Besatzung 1939–1945

Von Tatjana Tönsmeyer

Was brachten deutsche Soldaten nicht für Köstlichkeiten aus dem besetzten Europa mit nach Hause: Kaffee, Likör und Seife aus Frankreich, Tabak aus Griechenland, Honig und Speck aus der besetzten Sowjetunion, Heringe aus Norwegen, Salami aus Ungarn. Daran gibt es in manchen deutschen Familien noch Erinnerungen – oder zumindest daran, wie davon erzählt wurde. Viel weniger bekannt ist dagegen, welche Auswirkungen Einkaufstouren und vor allem die systematische Ausbeutung der besetzten Volkswirtschaften für die Einheimischen hatten: Mangel und vielerorts auch Hunger waren die Folge. Der Volksmund fand daher treffende Bezeichnungen für die Besatzer: „Doryphores“ wurden sie in Frankreich und Belgien genannt – „Kartoffelkäfer“, „Hyänen“ in der Ukraine.

Berichte lassen anschaulich werden, was sich dahinter verbarg. So hielt ein Wehrmachtsbericht im Februar 1942 über die Versorgungslage im besetzten Griechenland fest: „Die Versorgung der Zivilbevölkerung ist[,] wie bereits wiederholt berichtet[,] vollkommen unzureichend. Ein Teil der Bevölkerung ist dadurch auf Betteln, Diebstahl usw. angewiesen oder muss einfach verhungern. […] Ein Gang durch die Stadt Athen genügt, sich von der furchtbaren Lage ein Bild zu machen. Die Fälle, dass Erwachsene und Kinder vor Entkräftung auf der Strasse [sic!] umfallen und nach kurzer Zeit sterben, häufen sich täglich. Wenn man berücksichtigt, dass von der Bevölkerung hiervon kaum noch Notiz genommen wird, so kommt hierdurch die allgemeine Versorgungslage am Besten zum Ausdruck.“

Wenig später, im Frühsommer 1942, notierte eine Frau im besetzten Smolensk in ihrem Tagebuch: „Schon um Mitternacht stellen sich die Menschen in Schlangen an. Sie warten dort die ganze Nacht hindurch, doch es gibt nie genug Brot. Der Monat vergeht und die Marken sind nicht mehr gültig. Es werden neue verteilt, aber wir benutzen sie als Klopapier. […] Auf dem Markt kostet ein Kilo Brot 2,50 Reichsmark, und die, die für die Deutschen arbeiten, verdienen 10 Reichsmark im Monat. Auf dem Markt wird alles für Mark verkauft. […] Der Markt ist ein trauriger Platz. Die Einwohner von Smolensk verkaufen ihren letzten Besitz. Brot sieht man selten. Es bilden sich enorme Schlangen, wo Menschen hoffen, dass sie Roggenbrot mit Kartoffeln oder verschimmelten Tomaten kaufen können.“

Auch in den Niederlanden hielt eine Frau im Februar 1945 fest, welche Auswirkungen die Mangelversorgung hatte: „Die Kinder von Lietie, Thea und Anneke, sind nur noch Haut und Knochen. […] Sie sind beide sehr gereizt, weil sie nicht genug zu essen bekommen. Von morgens bis abends fragen sie nach Brot und Kartoffeln, und ihre Mutter hat nicht genug davon. Und sie frieren immer, weil die Fensterscheiben bei den Kämpfen zu Bruch gegangen sind. Banning hat entschieden, dass es so nicht weitergehen kann und sie nach Naaldwijk mitgenommen. Er scheint dort noch Lebensmittel zu haben. Als die Kinder hörten, dass sie dort jeden Tag Kartoffeln bekommen, wollten sie gerne mit ihm mitgehen.“

Diese Beispiele und viele weitere zeigen: Wo die Wehrmacht einrückte, machte sich in ihrem Gefolge sehr schnell ein Mangel an Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem von Lebensmitteln, breit. Jenseits jener Gebiete der besetzten Sowjetunion, die einer expliziten Aushungerung unterworfen wurden, haben diese Zusammenhänge in der Forschung vor allem da Aufmerksamkeit erfahren, wo Hungerkrisen existenziell wurden, etwa in Griechenland oder im sogenannten Hungerwinter in den Niederlanden. Der Schwerpunkt lag, zumal im Hinblick auf die Sowjetunion, meist auf den deutschen Maßnahmen, weniger auf den Überlebensstrategien der Betroffenen. Zu fest verankert war lange die Vorstellung, dass es zu den Selbstverständlichkeiten zählte, dass militärische Auseinandersetzungen aus Feldern Schlachtfelder machten und den „ewigen“ Kreislauf aus Säen und Ernten genauso unterbrachen wie Marktverbindungen und Versorgungswege. Mangel, Unterversorgung und Hunger zählten daher zu den „klassischen“ Konsequenzen von Kampfhandlungen. Dies galt lange in einem Ausmaß als selbstevident, dass Fragen danach, wie Menschen unter Besatzung damit umgingen, kaum gestellt wurden.

Eine der Maßnahmen, die überall im besetzten Europa angewandt wurde, war die Rationierung von Lebensmitteln. Erwerben konnte man sie nun nur noch dann, wenn man über die dafür notwendigen Marken verfügte – und über die nötigen Geldmittel und sofern das gesuchte Produkt im Geschäft überhaupt vorhanden war. Zugleich bedeutete Rationierung Staffelung: nach Alter, nach Beschäftigung (mit höheren Rationen für „Schwer- und Schwerstarbeiter“), im Osten Europas auch nach rassistischen Kriterien – höhere Rationen für Volksdeutsche, niedrige Rationen für die jüdische Bevölkerung, die kaum mehr zum Überleben reichten (wenn sie nicht ganz aus der Versorgung ausgeschlossen wurden). Rationierungssysteme klassifizierten somit alle Menschen überall im besetzten Europa nach den rassistischen und utilitaristischen Kriterien der Besatzer.

Da aber über die Rationierungssysteme bestenfalls eine Grundversorgung organisiert werden konnte, mussten Menschen neue Wege gehen, um sich und ihre Angehörigen nicht verhungern zu lassen. Ersatzprodukte waren buchstäblich in ganz Europa in aller Munde, und auch der Schwarzmarkt – ebenso weitverbreitet wie wegen der hohen Preise verhasst – gehörte zusammen mit dem Tauschhandel zu den Versorgungspraktiken. Auch Armutsprostitution, belegt vor allem für Frauen, die Kinder zu ernähren hatten, aber auf dem Markt nur den eigenen Körper einsetzen konnten, ist überliefert. Vielfach ebenfalls in schwacher „Marktposition“ waren jüdische Menschen, die im Osten Europas angesichts ihrer niedrigen Rationen in besonderer Weise auf den Schwarzmarkt angewiesen waren, hier aber einem hohen Denunziationsrisiko unterlagen und von denen häufig besonders hohe Preise gefordert wurden.

Besatzung, das zeigt das Beispiel der Versorgung, griff daher als kriegsbedingte Fremdherrschaft gravierend in den Alltag von Menschen zwischen Nordnorwegen und den griechischen Mittelmeerinseln, zwischen der französischen Atlantikküste und Gebieten tief im Inneren der Sowjetunion ein. Auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung sprechen wir dabei von ungefähr 230 Millionen Menschen. Folgerichtig hat Tony Judt vom Zweiten Weltkrieg als einem „war of occupation“ gesprochen und zur Begründung nicht nur auf die exorbitant hohen Opferzahlen in der Zivilbevölkerung – Schätzungen sprechen von mindestens neunzehn Millionen, darunter sechs Millionen Tote der Shoah – hingewiesen, sondern auch auf die Tatsache, dass in der ehemaligen Sowjetunion, Ungarn, Polen, dem damaligen Jugoslawien, Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Norwegen die Zahl der zivilen Opfer die der militärischen weit übertraf (während in Deutschland und Großbritannien die militärischen Verluste überwogen).

Gravierende Auswirkungen hatte Besatzung jedoch nicht nur auf die Versorgung, sondern zum Beispiel auch auf den Wohnungsmarkt. Dieser brach, auch dies eine europäische Erfahrung, weitgehend zusammen. Ähnlich wie im Hinblick auf Versorgungsfragen lassen sich jedoch nicht nur europäische Ähnlichkeiten beschreiben, sondern es muss immer auch berücksichtigt werden, dass das nationalsozialistische Deutschland in Osteuropa einen weltanschaulich motivierten Vernichtungskrieg führte, vielfach auch in der Form des Urbizids: Städtische Bevölkerung, wie in Leningrad/St. Petersburg in besonderer Weise, wurde dem Verhungern preisgegeben; auch in Polen oder Belarus zielten deutsche Maßnahmen auf eine systematische Entstädterung, einschließlich der Zerstörung des kulturellen Erbes. Schätzungen sprechen für die Sowjetunion von 25 Millionen Menschen, die infolge der Kriegseinwirkungen obdachlos wurden. Darunter waren nach Zahlen der UNESCO allein 6,5 Millionen Kinder. Weitere 1,3 Millionen Kinder hatten auch in Frankreich kein Dach mehr über dem Kopf.

In Mitleidenschaft gezogen wurden auch sehr basale gesellschaftliche Institutionen wie die Familien: Besetzte Gesellschaften waren – weil die Männer der wehrfähigen Jahrgänge in großer Zahl eingezogen wurden, an den Fronten standen, gefallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren, später auch zur Zwangsarbeit herangezogen wurden – anders als zu Friedenszeiten Gesellschaften, in denen Frauen, Kinder, Jugendliche und alte Menschen dominierten. Zeitweise Familientrennungen oder gar endgültige Familienzerstörungen waren an der Tagesordnung. Es kam daher nicht von ungefähr, dass die Vereinten Nationen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 die besondere Schutzwürdigkeit von Familien festhielten. Weitere Bespiele, wie Besatzung in den Alltag der Besetzten eingriff, gibt es viele, darunter die Auswirkungen auf Geschlechterverhältnissen oder auf Arbeitsbedingungen.

All diese Erfahrungen waren für unsere europäischen Nachbarn prägend. In der deutschen Erinnerung haben sie jedoch bisher noch kaum einen Platz gefunden. Um der Vielfalt dieser Erfahrungen in ihren europäischen Gemeinsamkeiten gerecht zu werden und um die besondere Gewalt der Besatzer im östlichen Europa zu thematisieren, braucht es einen transnational ausgerichteten Gedenk- und Lernort, der auch die Erfahrungen jüdischer Männer, Frauen und Kinder einbeziehen muss. Denn wenn Letztere versuchten, Strategien zu entwickeln, um sich den deutschen Mordplänen zu entziehen, waren sie dabei in hohem Maße auf die örtliche nichtjüdische Bevölkerung angewiesen. Auch diese Zusammenhänge auszuleuchten wird Aufgabe eines transnational ausgerichteten Gedenk- und Lernorts zur Besatzung im Zweiten Weltkrieg sein müssen, um zu zeigen, dass die damit verbundenen Erlebnisse Teil eines europäischen Erfahrungsraums sind.

Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer ist Universitätsprofessorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal

Erinnerung und Aufklärung – das Beispiel Dachau

Von Barbara Distel

Die wichtigste Erfahrung aus der Gedenkstättenarbeit, die in ihren Anfängen weitgehend den Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft überlassen blieb, weil die Mehrheit der Deutschen sich ungern erinnern wollte, besteht in der Erkenntnis, dass Aufklärung eine zentrale Aufgabe ist. Das lässt sich am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Dachau zeigen, die sich mit der Aura des authentischen Ortes und getragen von der Authentizität der Überlebenden zu einem Dokumentationszentrum historischer Fakten entwickelt hat. Die Dachauer Häftlingsgesellschaft bestand aus Angehörigen von mehr als 50 Nationen. Sie versteht, nach der Befreiung im internationalen Dachau-Comitee organisiert, die Erinnerung als Vermittlung von Wissen im Geist europäischer Gemeinsamkeit und hat an die Stelle von nationalstolzem Patriotismus Aufklärung als Projekt internationaler Solidarität gesetzt.

Als am 22. März 1933 die ersten einhundert politischen Gefangenen in das neu eröffnete Konzentrationslager nach Dachau gebracht wurden, konnte niemand ahnen, dass bis Frühjahr 1945 mehr als 200.000 Gefangene aus allen Ländern Europas an diesen Ort und seine Außenlager verschleppt wurden. Mindestens 45.000 von ihnen kamen dort zu Tode. Der Weg von der deutschen zur internationalen Häftlingsgesellschaft begann im Frühjahr 1938 mit der Einlieferung der ersten österreichischen Gefangenen. In den folgenden Jahre spiegelte ihre Deportation den Verlauf der nationalsozialistischen Gewaltpolitik und des Kriegsgeschehens wider. Ab Sommer 1944 erreichten schließlich Häftlinge aus den Lagern und Ghettos Mittel-und Osteuropas das KZ Dachau, die zu Tausenden vor dem Eintreffen der Roten Armee in Richtung Westen evakuiert wurden. Gleichzeitig trafen Häftlinge aus den im Westen gelegenen Lagern ein, die vor Ankunft der westlichen alliierten Truppen geräumt wurden. Katastrophale Überfüllung, mangelnde Ernährung und der Ausbruch von Epidemien ließen die Todesrate sprunghaft ansteigen.

Zum Zeitpunkt der Befreiung befanden sich etwa 67.000 Gefangene im Konzentrationslager Dachau und seinen Außenlagern. 27 Nationen waren mit vielen Gefangenen vertreten, 28 weitere Nationen durch kleine Gruppen oder Einzelpersonen.

Die Schicksale der Überlebenden nach 1945 waren so unterschiedlich und vielfältig wie ihre Verfolgungsgeschichten. Sie wurden entscheidend durch ihre nationale Herkunft bestimmt. Auch ihre Mitwirkungsmöglichkeiten an der Bewahrung der Erinnerung waren abhängig von ihrem Nachkriegsschicksal. Die jüdischen Überlebenden aus Osteuropa, deren Familien und Freunde ermordet und deren Besitz geraubt worden waren, wollten zumeist nicht in ihre alte Heimat zurückkehren, aber auf alle Fälle Deutschland den Rücken kehren, mussten jedoch in Camps für „Displaced Persons“ oft jahrelang auf eine Möglichkeit zur Auswanderung warten. Es dauerte Jahrzehnte, bis im Laufe der 1980er-Jahre Kontakte zwischen deutschen Gesprächspartnern und jüdischen Dachau-Überlebenden in Israel entstanden und sich ein Dialog über die Erinnerung an die Opfer und die Vermittlung der Geschichte an die nachfolgenden Generationen entwickeln konnte.

Die westeuropäischen KZ-Überlebenden wurden nach ihrer Heimkehr zumeist hoch geehrt und in das politische und kulturelle Leben integriert. Viele von ihnen spielten in den Nachkriegsjahren eine bedeutsame Rolle in Politik, Wissenschaft und Kultur ihres Landes. Ausnahmen bildeten Griechenland, wo der Bürgerkrieg und seine Folgen über Jahrzehnte hinweg die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen verhinderten, und Italien, wo die Überlebenden eine Gesellschaft vorfanden, die in ihrer Einschätzung der Rolle Italiens während der Jahre des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs tief gespalten war. Deutsche und österreichische KZ-Überlebende kehrten in eine Gesellschaft zurück, deren Mehrheit die Diktatur bis zum Ende mitgetragen hatte und die für lange Zeit nichts hören wollte von Schuld und Verantwortung oder vom Schicksal der Opfer.

Von den osteuropäischen Überlebenden hatten die Häftlinge mit sowjetischer Staatsbürgerschaft das schlechteste Los gezogen. Es waren entweder Soldaten der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, oder vor allem Kinder und Jugendliche, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland und schließlich ins Konzentrationslager verschleppt worden waren. Nach der Befreiung wurden alle sowjetischen Bürger zwangsweise in ihre Heimat zurückgeführt, wo sie als Überlebende eines deutschen Konzentrationslagers zunächst generell der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt wurden. Sie wurden auf vielfältige Weise weiterhin diskriminiert, nicht selten erneut inhaftiert oder zur Zwangsarbeit gezwungen. Über die leidvollen Erfahrungen, die sie im Konzentrationslager Dachau machen mussten, konnten sie erst ein halbes Jahrhundert nach ihrer Befreiung sprechen, als die Sowjetunion nicht mehr existierte. Erst dann wurde auch ihr Schicksal Teil des Erbes der Häftlinge des KZ Dachau.

Es waren die deutschen politischen Gefangenen, die nach der Befreiung des KZ Dachau für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen vor Ort und die Aufklärung über die KZ-Verbrechen kämpften. Sie genossen die Unterstützung ihrer Mitgefangenen aus anderen Ländern Europas, nachdem sich im Jahr 1955 ein bereits in der Schlussphase im KZ Dachau geheim gegründetes Internationales Häftlingskomitee erneut zusammengefunden hatte. Ziel dieser Vereinigung war es, auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers Dachau eine Gedenkstätte zu errichten. Es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis dieses Projekt verwirklicht werden konnte: Zum zwanzigsten Jahrestag der Befreiung wurde im Mai 1965 die KZ-Gedenkstätte Dachau mit einer großen Dokumentarausstellung nach den Plänen des Internationalen Dachau-Komitees eröffnet und in die Obhut des Freistaats Bayerns übergeben. Zwei Faktoren hatten die Schaffung eines internationalen Erinnerungsorts stark erschwert: der kurz nach der Befreiung einsetzende Kalte Krieg, der die persönlichen Verbindungen zu den Überlebenden der Länder Süd-, Mittel- und Osteuropas vollständig abschnitt oder zumindest massiv einschränkte, sowie Desinteresse und Ablehnung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen. Erst ein Generationswechsel führte im Laufe von Jahrzehnten zu einer veränderten Haltung in Politik und Öffentlichkeit.

Als zu Beginn der 1960er-Jahre die erste Dauerausstellung für die Gedenkstätte Dachau erarbeitet wurde, gab es so gut wie keine Forschung zur Geschichte des nationalsozialistischen KZ-Systems. Schriftliche Quellen waren entweder noch vor der Befreiung von den Tätern vernichtet worden oder in alle Welt verstreut. Vorwiegend aus den Unterlagen, die ab Herbst 1945 für Prozesse gegen NS-Täter vor internationalen Militärgerichten zusammengetragen worden waren, ergänzt durch Erfahrungen und Zeugnisse der ehemaligen Inhaftierten, wollten engagierte Einzelpersonen und vor allem Überlebende jungen Besuchern den Weg vor Augen führen, der 1933 zur Errichtung des KZ Dachau und von dort nach Auschwitz in die Katastrophe geführt hatte. Im Jahr 1968 wurde dann – ebenfalls unter Federführung des Internationalen Dachau Komitees – auf dem ehemaligen Appellplatz ein Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Dachau errichtet. Es spiegelt das Bemühen der Überlebendengemeinschaft wider, das Leiden der Opfer sowie die Vielfalt der betroffenen Nationen sichtbar zu machen. Die Vielfalt der unterschiedlichen Opfergruppen war damals noch nicht Teil des Erinnerungsdiskurses und findet sich deshalb auch nicht in der Gestaltung des Mahnmals des jugoslawischen Künstlers Nandor Glid.

Seit der Eröffnung der Gedenkstätte in Dachau sind mehrere Jahrzehnte vergangen. Heute ist die Geschichte des Systems der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager, der Ermordung der Juden Europas intensiv erforscht. Allerdings richtete sich das Interesse der deutschen Zeitgeschichtsforschung immer in erster Linie auf das Schicksal der deutschen und dann der westeuropäischen Opfer. Betrachtet man wiederum das Beispiel des KZ Dachau, so ist das Wissen über die größten Opfergruppen Mittel- und Osteuropas – Polen, sowjetische Staatsbürger (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Bürger der baltischen Staaten), Ungarn, Tschechen und Slowaken und Bürger Jugoslawiens – hierzulande noch immer gering. Es gibt nur wenige deutsche Übersetzungen der Forschungs- und Erinnerungsliteratur aus diesen Ländern, und so ist die Geschichte sowohl der Einzelschicksale der Verfolgten wie der Folgen für die Bevölkerung der betroffenen Staaten kaum bekannt. Über die allermeisten der mehr als 200.000 Gefangenen, die in Dachau registriert wurden, weiß man bis heute nichts, was über die von den Tätern fixierten Daten hinausgeht.

In der Bundesrepublik Deutschland sind die Gedenkstätten an Orten der Verbrechen inzwischen gesellschaftlich und politisch anerkannte Einrichtungen der Erinnerung und Geschichtsvermittlung. Sie sind integrierter Teil der Schul- und Erwachsenenbildung geworden, an denen nicht zuletzt das Vermächtnis der Überlebenden an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden soll. Die überlebenden Zeugen hofften, die Erinnerung an die Verbrechen für die Zukunft zu sichern.

Wie kann es zukünftig gelingen, dass vor allem junge Menschen lernen, Lügen und Falschinformationen zu durchschauen, deren Verbreitung in der digitalisierten Welt mit rasender Geschwindigkeit zunimmt? Es ist die Aufgabe von Politik, Öffentlichkeit und Gedenkstätten, ihnen zu zeigen, dass sachliche Aufklärung und Vermittlung von Faktenwissen, das auf seriöser Forschung beruht, wichtiger als kurzlebige und oft falsche Darstellungen in den sozialen Medien sind.

Als der kommunistische Häftling Adolf Maislinger im Konzentrationslager Dachau den belgischen Philosophen Bob Classens, der aus einer wohlhabenden Familie stammte, fragte: „Ich weiß, warum ich im KZ bin, aber warum bist Du hier?“, antwortete dieser: „Ja weißt Du denn nicht, dass Erkenntnis verpflichtet?“

Erkenntnis, die zu verantwortlichem Handeln führt, kann nur aufgrund von Wissen entstehen. Dazu gibt es keine Alternative.

Dr. h.c. Barbara Distel war von 1975 bis 2008 Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Massengräber des Holocaust in der Ukraine – gedenken, schützen, erforschen

Von Svetlana Burmistr und Uwe Neumärker

Die Ukraine hatte in den Jahren 1941 bis 1944/45 über fünf Millionen Opfer zu beklagen – mindestens 3,5 Millionen jüdische und nichtjüdische Zivilisten, darunter etwa auch 30 000 Roma, und bis zu 1,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene. Von den 2,8 Millionen nach Deutschland verschleppten sowjetischen Zwangsarbeitern, zumeist Frauen, stammte mehr als die Hälfte aus der Ukraine. Zahlreiche Dörfer wurden verbrannt, Städte zerstört. Die derzeitige Geschichtserzählung dominiert der „Holodomor“, die Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 mit mindestens 3,5 Millionen Toten. Holocaust und Holodomor – allein sprachlich drängt sich ein Vergleich oder gar eine Gleichsetzung auf. Wie gedenkt man beider „nationaler Tragödien“ und ihrer Opfer, ohne Konkurrenz und Hierarchien zu schaffen? Eine der vielen Fragen, die offener und breiter öffentlicher Diskussionen bedarf.

Die ukrainische Erinnerung an die ermordeten jüdischen Nachbarn ist einerseits mit der Auseinandersetzung über deren Schicksal und andererseits mit der Frage nach der eigenen Beteiligung am Massenmord verbunden. Gleichzeitig müssen generationsübergreifende Traumatisierungen der ukrainischen Gesellschaft individuell und kollektiv verarbeitet werden. Eine staatliche Erinnerungs- und Gedenkpolitik, die bei der Bewältigung der Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkrieges hilfreich sein könnte, fehlt bislang.

Über 1,5 Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ermordet. Über eine Million von ihnen fiel Massenerschießungen zum Opfer – meist in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes, vor den Augen ihrer Familien und Nachbarn. Deutsche Einheiten der Wehrmacht, SS und Polizei unter Beteiligung einheimischer Hilfswilliger löschten jahrhundertealte jüdische Gemeinden oft innerhalb weniger Stunden oder Tage aus. Als Orte für ihre Verbrechen wählten die Täter abgelegene Schluchten und Wälder, ehemalige Panzergräben, Sandgruben und Tierfriedhöfe aus – oder zwangen die Opfer dazu, mitten auf Feldern ihre Gräber selbst auszuheben.

Meist wurden zuerst die Männer in kleinen Gruppen erschossen, dann Frauen und Kinder. Immer wieder berichten Zeugen vom Leid der jüdischen Menschen: von Kindern, die vor den Augen ihrer Eltern ermordet oder lebendig in die Gruben geworfen wurden, von Frauen und ihren Säuglingen, von alten und gebrechlichen Menschen, die von Angehörigen zum Grab getragen wurden, von jungen Frauen und Mädchen, die vor ihrem Tod, oftmals tagelang in der Gefangenschaft, gedemütigt und vergewaltigt wurden, vom Abschied der Opfer voneinander, von Gebeten und Verzweiflungsschreien. Diese Stimmen sind verstummt. Den wenigen, die auf wundersame Weise überleben konnten, haben sich die letzten Worte und Augenblicke ihrer Liebsten fest ins Gedächtnis eingebrannt.

Schätzungsweise über 2000 solcher Erschießungsstätten befinden sich allein auf ukrainischem Boden. Viele sind nach Kriegsende in Vergessenheit geraten. Für die wenigen Überlebenden musste das Gedenken an ihre ermordeten Familienangehörigen, Freunde und Bekannten privat bleiben. Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung ließ keine Benennung einzelner Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges zu. Wenn auf Initiative jüdischer Überlebender und Rückkehrer bescheidene Gedenksteine aufgestellt werden durften, mussten sie „friedlichen sowjetischen Bürgern“ gewidmet werden. Erst seit den 1990er-Jahren wurden in der dann unabhängigen Ukraine vielerorts Gedenksteine errichtet, die auf die jüdische Herkunft der Opfer hinweisen.

Die riesigen Opferzahlen und die Vielzahl der Orte und Gruben der Massenerschießungen, die über das ganze Land verteilt sind, kennzeichnen die Besatzungsherrschaft und den Holocaust in der Ukraine. Das Land grenzt heute im Westen an die Europäische Union, im Osten muss es sich in einem von Russland aufgezwungenen Krieg verteidigen. Nicht nur in Deutschland, dem Land, das den Vernichtungskrieg im Osten führte, sind die Dimensionen, Ereignisse und Folgen des „Holocaust durch Kugeln“ in der Ukraine kaum bekannt. Daran hat die Tätigkeit des französischen Priesters Patrick Desbois und seiner Organisation „Yahad In Unum“ einiges, aber nichts Grundlegendes geändert. Lediglich einzelne Orte der Verbrechen – wie Babyn Jar in Kiew, Lemberg, Kamenez-Podolsk oder Mizocz – und die dort ermordeten, meist namenlosen Opfer gelangten dank der Forschung, durch Ausstellungen und Presseberichterstattung langsam ins öffentliche Bewusstsein. Doch allein die Namen der Tatorte sind den meisten Westeuropäern völlig fremd und damit letztlich austauschbar, sie sind als Folge des Kalten Krieges und vor allem durch Desinteresse in weite Ferne gerückt.

Die Situation vor Ort offenbart die Gleichzeitigkeit von Erinnern und Vergessen. Durch die Massengräber, deren Lage über Generationen bekannt blieb, ist der Holocaust nach wie vor im Bewusstsein. Dennoch sind die lokalen Narrative sehr bruchstückhaft. Einzelne Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten, an die erinnert wird, bilden Puzzleteile, ergeben aber kein Gesamtbild. Die Spuren der jüdischen Gemeinden und der Schtetl verschwinden allmählich: verlassene, überwucherte, oft als Müllhalde genutzte jüdische Friedhöfe, umfunktionierte oder leerstehende Gebäude der ehemaligen Synagogen, Gebetshäuser und jüdischen Schulen. In kleineren Orten wohnen heute oft keine oder nur noch einzelne jüdische Personen oder Familien. Lediglich in größeren Städten gibt es noch – oder wieder – lebendige jüdische Gemeinden. Sie halten das Gedenken wach und pflegen die Gräber im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten.

Berdytschiw – Gewalträume in einer ukrainischen Stadt

Berdytschiw steht – sowohl was das Schicksal seiner jüdischen Einwohner als auch den Zustand der Massengräber des Holocaust angeht – exemplarisch für zahlreiche Orte in der Ukraine. Juden lebten seit dem späten 16. Jahrhundert in Berdytschiw und prägten das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt. Neben Ukrainern, Polen und Russen bildeten sie im Jahr 1897 rund 80 Prozent der Einwohnerschaft. Berdytschiw entwickelte sich zu einem der größten jüdischen Kulturzentren Europas. Die Sowjetmacht förderte zunächst die proletarische jüdische Kultur und die jiddische Sprache, schloss aber gleichzeitig religiöse Einrichtungen. Viele Juden, ebenso wie Ukrainer und andere Nationalitäten, fielen dem Holodomor und später Stalins Terror zum Opfer. 1939 lebten noch etwas mehr als 23.000 Juden in Berdytschiw.

Die Verfolgung, Erniedrigung, Ausgrenzung und Ermordung der Juden in Berdytschiw begann in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch am 7. Juli 1941 und endete erst mit der Rückeroberung der Stadt durch die Rote Armee Anfang Januar 1944. Im August 1941 musste zum Beispiel eine Gruppe von jüdischen Frauen durch den Fluss Hnilopiat schwimmen, bis sie ertranken. Das Einsatzkommando 5 führte Erschießungen, oft verbunden mit vorhergehender Erniedrigung der Opfer, durch. Die Wehrmacht zwang die Juden zur Kennzeichnung an der Kleidung und zum Umzug in ein Ghetto, das eine Sammelstelle vor Massenexekutionen bildete.

Am 28. August 1941 wurden im Innenhof des Karmelitenklosters 960 Männer, darunter jüdische Soldaten aus dem Kriegsgefangenenlager und angesehene jüdische Persönlichkeiten der Stadt, erschossen. In der Nähe des Dorfes Chashyn südwestlich von Berdytschiw verübten Polizei- und SS-Einheiten immer wieder Massenerschießungen. Allein am 4. September 1941 wurden hier laut einem Dokument der SS 1303 Juden – vor allem junge Menschen, zwei Drittel davon Frauen – erschossen. Dieser Ort wurde für weitere Erschießungen von Juden, und wahrscheinlich auch von sowjetischen Kriegsgefangenen, genutzt.

Die größte Massenerschießung der einheimischen Juden fand am 15. September 1941 statt. Das Sonderkommando 5 der Einsatzgruppe C, das 45. Reserve-Polizeibataillon, SS und einheimische Polizeikräfte trieben die Juden aus dem Ghetto auf dem Marktplatz zusammen. Einige hundert Handwerker durften mit ihren Familien zunächst ins Ghetto zurückkehren. Alle anderen – etwa 12.000 Kinder, Frauen und Männer – wurden an verschiedenen Stellen auf dem Gelände des Flugplatzes in vorbereiteten Gruben ermordet.

Am 3. November 1941 wurden die zurückgestellten Handwerker und ihre Familien zusammen mit Juden, die man in Berdytschiw oder der Umgebung in Verstecken ausfindig gemacht hatte – zwischen 2000 und 3000 Menschen – in der Nähe des Flugplatzes, beim Dorf Sokulino (heute Dorf Mirne), ermordet. Am 27. April 1942 fielen etwa 70 jüdische Frauen und ihre Kinder aus gemischten Ehen an einem unbekannten Ort dem Terror zum Opfer.

Im Sommer 1942 löste die deutsche Besatzungsverwaltung das Zwangsarbeitslager am „Kahlen Berg“ („Lysa hora“) auf, die aus Berdytschiw und umliegenden Ortschaften stammenden jüdischen Arbeiter wurden erschossen. Im November 1943 rückte die Rote Armee immer näher. Die deutschen Truppen mussten die Stadt verlassen und erschossen vor ihrem Abzug die letzten Juden der Stadt, Häftlinge im SD-Gefängnis. Nur 15 jüdische Überlebende sind namentlich bekannt, die sich beim Einmarsch der Roten Armee Anfang Januar 1944 in Berdytschiw aufhielten.

Nach Angaben der Außerordentlichen Staatlichen Untersuchungskommission, die noch unter den Bedingungen des Krieges und in einem verwüsteten Land im November 1942  ihre Arbeit aufnahm und im April 1944 die Gräber in Berdytschiw untersuchte, wurden während der deutschen Besatzung der Stadt insgesamt 38.536 Personen ermordet, neben etwa 30.000 Juden mehrere Tausend sowjetische Kriegsgefangene sowie vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner.

Nach der Befreiung und der Rückkehr einiger Überlebender bemühte sich die jüdische Gemeinde um einen Neuanfang, um den Aufbau zerstörter Synagogen und um Hilfe für bedürftige Glaubensgenossen. Der Staat bekämpfte diese Aktivitäten und warf ihr „Verletzung sowjetischer Gesetze“ vor. Anfang der 1960er-Jahre nahmen die sowjetischen Behörden die sinkende Anzahl der Juden zum Vorwand, der Gemeinde die Choral-Synagoge wegzunehmen. Darin wurde eine Handschuhfabrik untergebracht. Heute steht das Gebäude im Privatbesitz leer.

Bereits 1946 führten Juden neben den Massenerschießungsgruben eine der ersten Gedenkkundgebungen zur Erinnerung an die „Opfer des Faschismus“ in der Sowjetunion durch. Am Flughafengelände wurde aus Spendengeldern 1953 ein Gedenkstein aufgestellt und sofort wieder demontiert; er galt über Jahrzehnte als verschwunden. Heute steht er auf dem jüdischen Friedhof. Erst 1983 konnten die jüdischen Einwohner Berdytschiws in der Nähe des Flugplatzes ein Denkmal mit Angabe der Anzahl der Opfer sowie erste Gedenksteine an weiteren Massengräbern aufstellen. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine wurde es möglich, neue Erinnerungszeichen mit der Nennung der jüdischen Herkunft der Opfer zu errichten. 2015 eröffnete ein kleines Museum des Judentums in der Stadt Berdytschiw.

2019 konnte am zentralen Holocaust-Gedenkort, am Gelände des ehemaligen Ghettos, eine Freiluftausstellung der Öffentlichkeit übergeben werden. Sie entstand in enger deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“. Fünf Tafeln informieren in ukrainischer, hebräischer und englischer Sprache über die jüdische Geschichte der Stadt und den Holocaust. Anhand einer Karte bekommen Besucher einen Überblick über die Lage von insgesamt acht großen Massengräbern, die sich in Berdytschiw oder Umgebung befinden.

Die Vielzahl der Massengräber in Berdytschiw zeugt heute noch von der Dimension der deutschen Verbrechen zwischen 1941 und 1944. Die meisten Gräber bieten einen trostlosen Anblick. Berdytschiw kann als beispielhaft gelten: Während das Massengrab auf dem Gelände des Klosters in der Ortsmitte als Gedenkstätte gestaltet ist, sind die Gräber außerhalb der Stadt verwahrlost, unmarkiert und ungeschützt. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde kümmert sich um sie, seine Möglichkeiten sind jedoch beschränkt und das Ausmaß der notwendigen Arbeiten ist enorm. Regelmäßig werden die Gräber geschändet, auf der Suche nach vermeintlich versteckten Wertgegenständen der Ermordeten zerstört und geschändet: Knochen, Schädelteile, Haarbündel und Kleidungsfetzen liegen frei. In Chazhyn bei Berdytschiw, einem der Massenvernichtungsorte, sieht die Situation seit Sommer 2019 anders aus. Im Rahmen des Projektes „Erinnerung bewahren“ wurde das Massengrab als ein würdiger Gedenkort gestaltet.

„Erinnerung bewahren“

Im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten Projekts „Protecting Memory“ (unter der Leitung des American Jewish Committee Berlin) und „Erinnerung bewahren“ (ab 2016 unter dem Dach der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) wurden zwischen 2010 und Ende 2019 insgesamt 20 besonders bedrohte Massengräber ermordeter Juden und Roma als würdige Gedenk- und Informationsorte eingerichtet. Intensive historische und pädagogische Arbeit begleitete das Projekt. Die Anteilnahme der einheimischen Bevölkerung an den Einweihungszeremonien war beachtlich. Auch wenn die Anzahl der errichteten Gedenkorte angesichts der Gesamtzahl der Massengräber verschwindend gering erscheint, kommt dieser Arbeit zentrale Bedeutung zu. Sie verdeutlicht, dass Schutz und würdiges Gedenken an solchen Orten möglich sind. Durch die enge Einbeziehung der lokalen Gemeinden und Schulen werden Wege eröffnet, die Erinnerung an die ermordeten Juden und Roma wachzuhalten und ihre  Geschichte als Teil der ukrainischen Nationalgeschichte zu begreifen.

Dr. Svetlana Burmistr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „NETZWERK ERINNERUNG – CONNECTING MEMORY – МЕРЕЖА ПАМ’ЯТІ“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Uwe Neumärker ist Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Denkmal und Dokumentation: Erinnern durch Wissen

Von Winfried Nerdinger

Denkmäler sind Zeugnisse für das, was in einer bestimmten Zeit als wichtig galt erinnert zu werden, und sie sind ein Spiegel für die jeweiligen Vorstellungen, wie Erinnerung gestaltet werden kann und soll. Das größte und am meisten diskutierte Denkmal, das in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende in Deutschland entstand, war die von Konrad Adenauer angeregte „Friedland-Gedächtnisstätte“, die durch den „Verband der Heimkehrer“, der 1955 über 500.000 Mitglieder zählte, am Grenzdurchgangslager Friedland 1967 errichtet wurde. Die 28 Meter hohe vierteilige Betonskulptur diente zur Erinnerung an die „Heimkehr der Kriegsgefangenen und Zivilverschleppten als auch an die Aufnahme der Vertriebenen und Aussiedler“ und sollte – an der Grenze zur DDR auf einem Hügel platziert – das „Tor zur Freiheit“ signalisieren. Das Denkmal steht somit für Kriegsfolgethemen: Heimkehrer, Vertriebene und Teilung des Landes, und es ist ein Monument für Adenauers Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Die Ursachen für diese Themen, die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundenen Verbrechen, wurden nicht benannt. Die erklärenden Tafeln an den Betonwänden mit Zahlen bezüglich der Heimkehrer und Flüchtlinge lesen sich heute wie eine Demonstration der im Denkmal geradezu manifesten Verdrängungen der frühen Nachkriegszeit. Da Denkmäler immer einen retrospektiven Charakter haben, können sie auch als zeitspezifische Erfindungen von Geschichte betrachtet werden, und deshalb bedürfen sie einer Ergänzung durch historische Dokumentation.

Das erste Erinnerungszeichen an die NS-Zeit, das in München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“, im öffentlichen Raum aufgestellt wurde, war im August 1945 ein Straßenschild mit der Bezeichnung „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Dieses Schild stand 20 Jahre lang ohne weitere Erklärung an der Brienner Straße. Historische Bezugspunkte waren das daneben befindliche Schillerdenkmal, dem „Dichter der Freiheit“ gewidmet, wie Oberbürgermeister Karl Scharnagl, der die Aufstellung anordnete, vage bemerkte, sowie eine Blickbeziehung über die Brienner Straße hinweg zum etwa 100 Meter entfernten Wittelsbacher Palais, der ehemaligen Gestapozentrale. Die pauschale Widmung an „die Opfer“ kennzeichnet die nach Kriegsende allgemein akzeptierte Formel der Selbstviktimisierung: Opfer des Nationalsozialismus waren „die Deutschen“, jeder und niemand waren angesprochen. Nach 20 Jahren wurde das Straßenschild 1965 von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel durch einen Granitfindling ersetzt, der sich nun auf einer Verkehrsinsel befand. Die Inschrift blieb gleich, am Bewusstseinsstand hatte sich noch nicht viel geändert. Wie in München entstanden in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende überall in Deutschland ähnlich belanglose, buchstäblich nichtssagende Denkmäler mit ähnlichen Inschriften. Beachtung fanden sie wenig, sie dienten zumeist als obligate „Kranzabwurfstelle“ für Politiker. Das Münchner Denkmal wie auch die anderen vergleichbaren Monumente boten trotz der öffentlichen Dimension keine historischen Anknüpfungspunkte, es entstand keine „dialogische Qualität des Gedächtnisraums“ (Andreas Huyssen), denn es wurde nichts zu einem Dialog angeboten, sie blieben stumm – und genau das war wohl auch gewollt.

Am Ort der wirklichen Opfer, dem KZ-Friedhof Dachau-Leitenberg, sollte auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung im Sommer 1945 ein Denkmal errichtet werden. Beauftragt wurde ausgerechnet Georg W. Buchner, einer der Mitgestalter der Münchner NS-Festzüge. Als dies bekannt wurde, sollte Karl Knappe, der in der NS-Zeit seine Position an der Hochschule verloren hatte, das Denkmal planen, aber sein Entwurf mutete derart nach NS-Geist an, dass auch er nicht zur Ausführung kam. Auf dem Friedhof fand dann 1949 ein Davidstern Aufstellung, während das Lager, der eigentliche Ort des Leidens, ab 1948 als „Wohnsiedlung Dachau-Ost“ für Vertriebene verwendet wurde. Anfang der 1960er-Jahre riss man die Baracken komplett ab, und 1965 entstand auf Initiative der Lagergemeinschaft eine Gedenkstätte mit Ausstellung, vor der 1967 das Denkmal des serbischen Künstlers Nandor Glid platziert wurde. Die authentischen Orte des Leidens verschwanden, und dafür sollte ein Kunstwerk emotionalen Ersatz bieten. Die Errichtung des Dachauer Denkmals, im gleichen Jahr, als die Friedland-Gedächtnisstätte eingeweiht wurde, signalisiert einen Wandel in der Erinnerungskultur. Das Leid der Opfer wurde nach den Einsatzgruppen- und Auschwitz-Prozessen endlich in den Blick genommen, aber das Denkmal von Nandor Glid steht auch stellvertretend für eine Flut weiterer ähnlich figurativ-abstrahierter Gestaltungen, die Stacheldraht, Gitter, zerbrochene Materialien und abgemagerte Körper als Angebote für Assoziationen der Betrachter präsentierten.

Es zeichnete sich damit das ab, was Henry Moore, der Juryvorsitzende beim Wettbewerb für ein Auschwitz-Denkmal, bereits 1957 geäußert hatte: dass nur ein Bildhauer vom Format eines Michelangelo oder Rodin der Aufgabe gewachsen wäre, einem Verbrechen „von einer derart ungeheuren Größenordnung“ ein angemessenes Format zu geben. Auch wenn es Pablo Picasso und Ossip Zadkine gelang, die Zerstörung von Guerníca und Rotterdam kongenial figürlich zu erfassen, und auch wenn Alfred Hrdlicka mit seinem Hamburger „Gegendenkmal“ ergreifende Skulpturen schuf, so werden doch letztlich bei allen Themen, die mit den Gräueltaten und Verbrechen während des NS-Zeit verbunden sind, die Grenzen des Darstellbaren erreicht. Angesichts der Dimension des Leids, auf das hingewiesen werden soll, wirkt die abstrakte Hilflosigkeit vieler Denkmäler vielfach nur verharmlosend und damit kontraproduktiv. Die beim Betrachter erweckten Emotionen bleiben selbstbezogen, gerade deshalb ist auch eine Information über die Fakten erforderlich.

Wenn im Land der Täter an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert werden soll, dann gilt als oberste Maxime, zu unterscheiden zwischen einem empathischen Gedenken und „Eingedenken“ (Walter Benjamin) der Opfer und einem von kritischer Reflexion geleiteten Erinnern an die Täter. Nur wenn diese Erinnerung auf Fakten basiert, kann sie zu einer rationalen Auseinandersetzung mit den Tätern und zur Erkenntnis der Ursachen für deren Taten führen. Diesem Ansatz stehen Emotionalisierung und Inszenierung diametral entgegen, denn damit wird die Geschichte instrumentalisiert und für Interessen in Dienst genommen. Inszenierungen sind immer interessengeleitete zeitspezifische Deutungen und zielen darauf, historische Themen „interessant“ und konsumierbar zu machen. Damit aber werden Ereignisse aus ihren komplexen Bedingungszusammenhängen herausgelöst und letztlich in die tägliche mediale Unterhaltung eingereiht, deren Aufmerksamkeits- und Reizwerte kontinuierlich erneuert werden, damit sie wirksam bleiben. Wer glaubt, die Vermittlung der Fakten über den Nationalsozialismus interessant und „aktuell“ machen zu müssen, begibt sich schon auf den Weg der medialen Affirmation und des Konsumierens.

Aus diesem Grund wurde am NS-Dokumentationszentrum München, genauso wie am Erinnerungsort „Topographie des Terrors“, jede Form von Inszenierung abgelehnt. Ziel der Dokumentation in München ist es, die Geschichte des Nationalsozialismus einsichtig zu machen, nur dann kann aus ihr gelernt werden. Einsicht basiert auf Wissen und auf der Kenntnis der Gründe. Deshalb stellt das NS-Dokumentationszentrum München Fragen und liefert Fakten zur Beantwortung. Nur Wissen um die Gründe und die historischen Zusammenhänge kann jenes von Theodor W. Adorno eingeforderte „helle Bewusstsein“ vermitteln, das „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ vermittelt und damit zu einem „Nie wieder“ führen kann. Lernen aus der Geschichte ist nur auf der Basis von Fakten möglich – und nicht durch emotionale oder inszenierte Übertragung von historischen Situationen auf gegenwärtige Probleme. Insbesondere dürfen die Opfer nicht auf eine pädagogische Funktion, beispielsweise als Lernobjekte für politisches Verhalten oder für eine Menschenrechtspädagogik, reduziert werden, sie würden sonst „nach ihrer Entwürdigung und physischen Vernichtung […] als Lernmaterial instrumentalisiert. Die Erinnerung geschieht um der Opfer selbst willen und nicht für irgendeinen anderen Zweck.“ (Hermann Düringer)

Beim obligaten Kunst-am-Bau-Wettbewerb zum NS-Dokumentationszentrum München verstanden es die Gewinner, Benjamin und Emanuel Heisenberg, mit dem Medienkunstwerk „Brienner 45“ sowohl auf die Geschichte des Ortes einzugehen, als auch die Erinnerungs- und Lernarbeit des Zentrums künstlerisch zu unterstützen. Die Medieninstallation präsentiert Texte aus der NS-Zeit, die über Bilddokumente visuell umgesetzt werden. Die historischen Fakten werden in die Bildwelt der Gegenwart transformiert, sie behalten ihre Gültigkeit und zielen auf eine „optische“ Erkenntnis. Dokumentation und Kunstwerk dienen somit beide auf ihre Weise der Aufklärung, um zu einem Lernen aus der Geschichte zu führen und die Funktion eines Erinnerungs- und Lernorts zur Geschichte des Nationalsozialismus zu erfüllen.

Prof. Dr. Winfried Nerdinger war von 1986 bis 2012 Extraordinarius für Architekturgeschichte und Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München sowie Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München, das er bis 2018 leitete.

Deutsche Herrschaft in Griechenland

Von Wolfgang Benz

Die dreieinhalb Jahre deutscher Herrschaft in Griechenland, die der schmählich verlaufenen italienischen Aggression im Herbst 1940 von April 1941 bis Oktober 1944 folgten, bestanden zum einen in der Ausplünderung des Landes, zum anderen in der Konfrontation mit dem Widerstand der Griechen, den die deutsche Besatzungsmacht mit allen Mitteln jenseits des Kriegs- und Völkerrechts zu brechen versuchte. Mit zunehmendem Widerstand steigerte sich die Brutalität des Besatzungsregimes. Nicht nur in Kreta, wo die Präsenz der Wehrmacht bis Mai 1945 andauerte, artete die deutsche Herrschaft in Mordexzesse gegen die Zivilbevölkerung aus. Der ökonomische Druck tat ein Übriges: Mehr als 100.000 Hungertote wurden im Winter 1941/42 gezählt. Am Ende der Okkupation war Griechenland ein verwüstetes Land mit zerstörten Dörfern, unzähligen Toten der Zivilbevölkerung, ökonomisch ausgeplündert und finanziell durch Inflation ruiniert sowie auf lange Jahre durch einen Bürgerkrieg gespalten.

Deutsche Herrschaft über Griechenland als terroristisches Regime lässt sich durch drei Beispiele, die für das Prinzip der Besatzung und für viele weitere Orte stehen, charakterisieren. Die Namen der Dörfer Kommeno, Distomo und Kalavryta sind unauslöschlich mit der deutschen Terrorherrschaft verbunden.

Das Dorf Kommeno in der griechischen Landschaft Epirus hatte ein paar hundert Einwohner. Am 14. August 1943 waren Angehörige der Widerstandsbewegung erschienen und hatten Lebensmittel requiriert. Im Hauptquartier der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht in Joannina wurde gemeldet, dass in Kommeno Partisanen gesichtet worden seien. Der Divisionsstab beschloss eine „exemplarische Überraschungsaktion“. Er entsandte etwa 100 Mann des 98. Regiments zur Vollstreckung. Am Morgen des 16. August 1943 erschienen sie in Kommeno. Sie fanden weder Partisanen vor, noch regte sich irgendwelcher Widerstand. Die Gebirgsjäger-Kompanie wütete trotzdem stundenlang, warf Handgranaten in die Häuser, zündete sie an, zerstörte das Dorf restlos. Unter den 317 Toten waren 172 Frauen und 97 Kinder, 13 unter ihnen etwa ein Jahr alt. Das Morden kommandierte Leutnant Willibald Röser, den Befehl hatte der Major Reinhold Klebe gegeben. Der machte sich die Hände nicht selbst schmutzig. Er wartete vor dem Dorf, bis das Massaker zu Ende war. Dann inspizierte er das Ergebnis.

Die Morde in Kommeno waren kein Akt der Vergeltung und schon gar nicht ein Kampf gegen die griechische Widerstandsbewegung. In München ermittelte die Justiz 1969 wegen der Verbrechen in dem griechischen Dorf. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt mit der Begründung, Kommeno sei ein wichtiges Versorgungszentrum der Partisanen und deshalb ein legitimes militärisches Ziel gewesen. Der Befehlshabende der Aktion konnte sich an keine toten Zivilisten erinnern. Seiner Ernennung zum Kommandeur eines Gebirgsjägerbataillons der neu gegründeten Bundeswehr stand 1956 nichts im Wege. Die Liste der Verbrechensorte der deutschen Gebirgsjäger, die sich mit dem Edelweiß-Symbol schmückten und der Waffen-SS an Grausamkeit ebenbürtig waren, umfasst 315 Namen auf dem Balkan: in Griechenland, Montenegro und Albanien. Seit den Nürnberger Prozessen weiß man davon, auch von den grauenhaften sadistischen Details. Gesühnt sind die Schandtaten nicht.

Distomo in Mittelgriechenland am Fuß des Parnass fiel in einer „Vergeltungsaktion“ am 10. Juni 1944 der SS zum Opfer. Es war der gleiche Tag, an dem Himmlers Elite-Division der Waffen-SS „Das Reich“ das französische Dorf Oradour-sur-Glane dem Erdboden gleichmachte und dabei 642 Menschen ermordete. Distomo wurde als Ort einer „Sühnemaßnahme“ ausersehen, weil griechische Partisanen in der Nähe drei deutsche Soldaten erschossen hatten. Im Gefechtsbericht der 2. Kompanie des SS-Polizeigrenadier-Regiments, dem das Verbrechen zur Last fällt, ist von einer Attacke auf deutsche Soldaten aus dem Dorf Distomo mit Granatwerfern, Maschinengewehren und Gewehren die Rede, worauf der „Angriff mit allen zur Verfügung stehenden Waffen“ befohlen worden sei. Nach der „Säuberung“ seien „250 bis 300 tote Bandenangehörige und Bandenverdächtige gezählt“ worden. Tatsächlich war es die Zivilbevölkerung des Ortes. 218 Personen wurden erschossen, mit dem Bajonett erstochen, Kinder wurden bestialisch massakriert, Frauen vergewaltigt und verstümmelt. Ein Überlebender des Massakers in Distomo, der damals vierjährige Argyris Sfoundouris, beschreibt als alter Mann sein Überlebenstrauma: „Als wir kleine Kinder waren, erzählten uns die Omas, was beim Massaker passiert war. Ich hatte in meinen Alpträumen nie Angst vor der Dunkelheit oder vor bösen Hexen, nein – ich fürchtete mich vor den Deutschen. Ich habe sie vor mir gesehen, ich hörte die Stiefel, dass sie hochkommen im Haus. Und meine Mama und keine Familie mehr und dann wurde ich wach.“

Das Landgericht Bonn sprach im Juni 1997 zu den Ereignissen in Distomo ein Urteil, das nicht strafte und nichts sühnte. Aufsehen und Entrüstung über das Vorgehen griechischer Behörden erregte dagegen das Urteil eines griechisches Gerichtes, das im Herbst 1997 die Bundesrepublik zur Zahlung von Schadenersatz in Höhe von 37,5 Millionen Euro verurteilte und die Pfändung des Goethe-Instituts in Athen und der Villa Vigoni, einer weiteren deutschen Kultureinrichtung in Italien, zu ermöglichen schien. Diese Gefahr wurde mit diplomatischen und juristischen Mitteln gebannt.

Der bekannteste Verbrechensort ist Kalavryta im Norden des Peloponnes. Am 13. Dezember 1943 verübte die 117. Jägerdivision der Wehrmacht dort eine Vergeltungsaktion, bei der 25 Ortschaften niedergebrannt und insgesamt 674 Männer (darunter Jugendliche) sowie 22 Frauen und Kinder getötet wurden. Dass es sich um Mord jenseits der Regeln der Haager Landkriegsordnung handelte, wurde im Nürnberger Prozess gegen die Südost-Generäle (Fall 17) ausdrücklich festgestellt. Dass unter den Tätern in der 117. Jägerdivision der Wehrmacht unverhältnismäßig viele Österreicher waren, wurde in den 1980er-Jahren publik, als der Bundespräsident der Republik Österreich, Kurt Waldheim, wegen der Kriegsverbrechen der Wehrmacht ins Gerede kam und international geächtet wurde.

Deutsche Besatzungsherrschaft war an sich, ohne Exzesse von Militärs, systematische Unterdrückung. Als Instrument der Repression diente eine Haftstäte, die strukturell und nach den Methoden einem KZ entsprach. Das Lager Chaidari existierte seit Sommer 1943 am Rand Athens an den Hängen des Hymettos. Die von einer Mauer umgebene Kaserne war bis zum 8. September, dem Tag der Kapitulation Italiens, von den italienischen Streitkräften als Gefängnis benutzt und dann der Wehrmacht übergeben worden. Wenig später übernahm es die SS. Die offiziell als „Durchgangshaftlager“ bezeichnete Einrichtung unterstand seit 20. Oktober 1943 dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS), SS-Standartenführer Dr. Walter Blume. De facto war das Lager Chaidari ein KZ, mit der Funktion als Terrorinstrument gegen Angehörige des griechischen Widerstands, streikende Arbeiter, des Gewahrsams italienischer Kriegsgefangener und der Disziplinierung griechischer Zivilbevölkerung. Bis zur Befreiung ein Jahr später sind dort etwa 20.000 Griechen von der deutschen Besatzungsmacht drangsaliert worden. Inhaftiert waren auch willkürlich zu Geiseln Genommene; das Lager diente außerdem als Durchgangsstation für Juden, die aus Griechenland in die Vernichtungslager in Polen deportiert wurden. Legendär waren die Bewohner des „Saals 1“, zweihundertsechzig politische Gefangene, insbesondere Kommunisten, die bereits gegen die Diktatur des Generals Metaxas vor der Okkupation Griechenlands Widerstand geleistet hatten. Zweihundert dieser Männer wurden als Repressalie für ein Attentat auf einen deutschen General am 1. Mai 1944 erschossen.

Der griechische Schriftsteller Themos Kornaros hatte sich der Résistance angeschlossen und war nach den üblichen Folterungen im Athener SS-Hauptquartier in Chaidari inhaftiert. Er veröffentlichte bald nach der Befreiung seine Erinnerungen. Kornaros erkannte den Zweck des Lagers, den Widerstand der Griechen zu brechen: „Unterwerfung der griechischen Seele, Versklavung unseres Volkes, Ausmerzung des griechischen Selbstbewußtseins – so lautete der Plan. Er forderte die Schaffung des Lagers Chaidari, das Sklaven und Verräter erziehen, das ein Laboratorium zur Züchtung von Spezialbazillen für die Verbreitung der Panikpest unter der griechischen Bevölkerung sein sollte.“

Das Lager Chaidari diente freilich nicht nur der heimtückischen Zerrüttung des griechischen Widerstands. Es war auch eine Stätte des Holocaust, eine Relaisstation auf dem Weg nach Auschwitz. Themos Kornaros berichtet von der Ankunft der Juden aus Rhodos. Etwa 1800 Menschen, die acht Tage mit dem Schiff nach Piräus unterwegs waren und nun, in der Gluthitze des griechischen Sommers in Chaidari ankommen. Sie wissen nicht, was ihnen geschieht. Hungrig, durstig und verzweifelt sind sie. Nicht nur das Wasser, um das sie flehen, wird ihnen verweigert. Als sie unruhig werden, fallen SS-Männer über sie her, prügeln, töten nach Belieben, rauben die letzten Werte, Schmuck, Münzen, brechen ihnen die Zähne aus, wenn sie Goldkronen haben. Nach einigen Tagen solcher Qualen werden sie nach Polen weitertransportiert. Das Ziel ist Auschwitz.

Eine Episode des Judenmords, die Deportation vier junger Frauen aus Rhodos nach Auschwitz und von dort nach Deutschland in den Lagerkomplex Kaufering und zuletzt ins KZ Dachau, fasst alle Aspekte der Tragödie zusammen: die fanatische Ideologie, die Absage an Humanität und Zivilisation, die vermeintlichen Notwendigkeiten von Macht, Expansion und Okkupation auf der Seite der Täter und die sozialen, kulturellen und humanen Dimensionen des wehrlosen Erfahrens und Erleidens von Politik und Ideologie durch die Opfer. Die vier Frauen aus Rhodos, Sara Benatar, Anne Cohen, Giovanna und Laura Hasson verfassten gemeinsam einen Bericht über ihre erzwungene Reise, die Grausamkeiten und Demütigungen, die vernichtende Ausbeutung ihrer Arbeits- und Lebenskraft, die sie aus einem einzigen Grund erlitten, dem, dass sie Jüdinnen waren. Ihr Bericht beweist erstens den obsessiven Aspekt der Ideologie des Antisemitismus, zeigt zweitens die politische und ökonomische sowie militärische Sinnlosigkeit dessen, was den Juden zugemutet wurde. Denn weder der Besatzungszweck der griechischen Insel machte die Deportation der Juden notwendig, noch gab es eine militärische Notwendigkeit oder einen ökonomischen Zwang zu der Maßnahme, die Juden aus Rhodos zu evakuieren. Schließlich sprach auch der Zeitpunkt – Sommer 1944 – gegen die Aktion. Militärisch war der Krieg für Deutschland längst verloren, Kräfte in die ideologischen Ziele der scheiternden deutschen Expansion zu stecken war abgesehen von der Sinnlosigkeit a priori selbstzerstörerisch. Die Juden aus Rhodos wurden nach Auschwitz deportiert, um dort vernichtet zu werden. Judenfeindschaft war also noch im Untergang des Regimes dessen stärkster Motor. Aber keineswegs nur fanatische Antisemiten beteiligten sich am Judenmord in Griechenland, wie das Zusammenwirken von Wehrmacht, Besatzungsbürokratie, Bediensteten der Eisenbahn und vieler anderer mit den eigentlichen Tätern, der SS, dem KZ-Personal, den Ideologen und den Bürokraten lehrt.

Zu den Hypotheken deutscher Besatzungsherrschaft in Griechenland gehören auch nicht geleistete Reparationen. Jenseits völkerrechtlicher Probleme und deren Lösungen in Abkommen und Verträgen der Nachkriegsjahrzehnte, von der Londoner Schuldenkonferenz 1952 bis zum Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990 sind viele Griechen von einer nicht nur moralischen, sondern auch finanziellen Schuld Deutschlands überzeugt. Sie setzt sich zusammen aus Ansprüchen aus der Verwüstung des Landes, der ausgebliebenen Entschädigung für die Angehörigen und Nachkommen der Opfer von Kriegsverbrechen, aus einer Zwangsanleihe der griechischen Zentralnotenbank zugunsten des Deutschen Reiches 1942–1944. Dem Bewusstsein, leer ausgegangen zu sein, entsprangen die Versuche, die Immobilien des Goethe-Instituts in Athen und der Villa Vigoni in Italien als Pfänder für materielle Wiedergutmachung der durch „Sühnemaßnahmen“ zerstörten Dörfer und getöteten griechischen Bürger in Besitz zu nehmen. Die gleiche Ursache hatte zweifellos auch die Diffamierung der deutschen Kanzlerin, die als Nazi-Bestie in griechischen Zeitungen karikiert war, als Griechenland in der Finanzkrise die Macht der Europäischen Union und der Bundesrepublik spüren musste. Die als politisches Mittel vorgebrachten Reparationsforderungen wurden in einer unwürdigen Pressekampagne skandalisiert und offiziell ignoriert bzw. mit dem Hinweis auf völkerrechtliche Regelungen abgewiesen.

Prof. Dr. Wolfgang Benz war bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, er ist u.a. Sprecher des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.