Dokumentieren, Lernen und Gedenken

Von Elke Gryglewski

Wenn man den Sinn eines Ortes für symbolisches Gedenken, für die Dokumentation der Ereignisse und für Bildungsangebote zur deutschen Besatzung in Europa diskutiert, sollte man einen größeren Kontext berücksichtigen.

Zunächst findet die Diskussion vor dem Hintergrund des Umgangs mit den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen statt, der sich durch viele Ambivalenzen auszeichnet. Einerseits gibt es das Bekenntnis einer politischen Mehrheit, die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ein Bekenntnis, das sich neben mündlichen Bekundungen bei Gedenktagen, in der materiellen Unterstützung zahlreicher Gedenkstätten und Gedenkinitiativen manifestiert. Andererseits werden Stimmen lauter, die eine Kehrtwende im Erinnerungsdiskurs fordern oder die Verbrechen der Nationalsozialisten relativieren und leugnen. Obwohl der vorgeschlagene Ort eine wichtige Antwort auf solche geschichtsrevisionistischen Vorstöße ist, soll hier jedoch nicht weiter darauf eingegangen werden, denn auch ohne sie ist die Situation komplex.

Angesichts der größer werdenden Distanz zu den historischen Ereignissen besteht eine wachsende Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Forschung zu den regionalen und personellen Gegebenheiten in den unterschiedlichen europäischen Ländern bei der Umsetzung der Besatzungs- und Völkermordpolitik und dem Wissen um die Vergangenheit in der sogenannten normalen Bevölkerung. Hier fehlt – in unterschiedlichem Maße – oft nicht nur das Verständnis für die Dimension der Verbrechen. Mehr noch, der Mord an Jüdinnen und Juden steht, zugespitzt formuliert, vielfach wie eine Formel für etwas, das mit assoziativen Bildern oder Metaphern – Vergasen, Konzentrationslager, Hitler oder Gelber Stern – in Verbindung gebracht wird. Dass es eine Ungleichzeitigkeit der Verfolgungsmaßnahmen in West- und Osteuropa gab, dass die Härte der Maßnahmen u. a. abhing von der „rassistischen Bewertung“ einer Bevölkerung oder dass die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden eingebettet war in ein europaweites System geopolitischer Strategien und völkischen Machtdenkens, von Besatzung, Verschleppung, Zwangsarbeit und Mord anderer Gruppen – das gehört häufig nicht zum Wissenshorizont. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt dies jedoch wesentlich an der immer geringer werdenden Zeit, die im Geschichtsunterricht dem Thema Nationalsozialismus gewidmet werden kann. Und es liegt an der bleibend „nationalen“ Perspektive bei der Vermittlung der Geschichte. Während einerseits von der europäischen oder sogar globalen Dimension des Nationalsozialismus gesprochen wird, präsentieren Schulbücher sie – entgegen den Empfehlungen mehrerer binationaler Schulbuchkommissionen – aus einem vornehmlich deutschen nichtjüdischen Blick.

Auch besteht eine Diskrepanz in der Berichterstattung zu unterschiedlichen Gedenktagen. Während der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz einen großen Raum einnimmt, gibt es keine, oder nur seltene, Berichte zu Befreiungstagen anderer Konzentrations- und Todeslager in Europa oder zu Gedenktagen an die in den unterschiedlichen Ländern verübten Massaker.

Das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz ist von zentraler Bedeutung und muss es weiterhin bleiben. Gleichzeitig ist es jedoch sinnvoll, auch von anderen Orten zu berichten, um neben dem Symbol für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden weitere Verbrechensorte konkret werden zu lassen und – vor allem – um ein geografisches Verständnis für die Ausbreitung deutscher Gewaltherrschaft zu schaffen.

Soll das politische Bekenntnis auch gesellschaftlich getragen sein, bedarf es unterschiedlicher Institutionen und Maßnahmen, die an eine große Bandbreite spezifischer Ereignisse erinnern und gleichzeitig das Fundament für das Erinnern – das Wissen um die Ereignisse – pflegen und ausbauen. Dabei kommt den Gedenkstätten, Denkmälern und den historischen Museen eine wichtige Rolle zu. Durch ihre Arbeit, ihre Ausstellungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote beeinflussen sie den Diskurs und die mediale Berichterstattung. Gleichzeitig verankern sie die Erinnerung gesellschaftlich durch ihre physische Präsenz. Der Wille, sich die Vergangenheit über den Besuch historischer Orte zu erschließen, ist bei vielen Menschen vorhanden. Das zeigen die steigenden Besucherzahlen in allen NS-Gedenkstätten und Denkorten zum Nationalsozialismus.

Dass im Rahmen von gelungenen Bildungsveranstaltungen und Projekten der Gedenkstätten ein vertieftes und differenziertes Wissen erwachsen und eine weitere Motivation zur Beschäftigung entstehen können, bestätigen unzählige Broschüren, Websites und Theaterstücke sowie Befragungen derjenigen, die sich lange im Themenfeld engagieren. Zum Gelingen einer Veranstaltung trägt oft die konkrete Geschichte des Ortes bei. Man beschäftigt sich nicht irgendwo mit der Geschichte, sondern nimmt Ereignisse auch auf der Meta-Ebene wahr. Es ist für viele etwas Besonderes, an dem Ort zu sein, an dem sich die erzählte Geschichte zugetragen hat. Die Spuren der Baracken zu sehen, in denen Häftlinge untergebracht waren, und gleichzeitig Informationen zum Repressionssystem zu hören, ist etwas grundsätzlich anderes, als die gleichen Informationen in einem Lehrbuch zu lesen. An dem Ort zu sein, an dem im Januar 1942 eine Besprechung zur Organisation des systematischen Massenmords von elf Millionen Jüdinnen und Juden stattfand, ist beim Zuhören für viele Besucherinnen und Besucher von großer Bedeutung. Und selbst an einem geschaffenen Ort, wie dem Denkmal für die ermordeten Juden, verbindet sich die Geschichte der Verfolgung mit der Geschichte der Auseinandersetzung um den Ort und führt so bei den Zielgruppen zu einer anderen Aufmerksamkeit. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätten ist bewusst, dass nicht jedes im Rahmen eines Bildungsangebots präsentierte Detail im Gedächtnis der Gäste haften bleibt. Doch zeigen Umfragen, dass viele die Besuche dieser Orte nicht nur als gewinnbringend betrachten, sondern auch für grundsätzlich wichtig erachten.

Aufgrund all dieser Überlegungen handelt es sich bei dem angedachten Ort zur Erinnerung an die Besatzungsherrschaft in ganz Europa in Gestalt eines Dokumentationszentrums um eine sinnvolle Ergänzung der Berliner und deutschen Gedenkstättenlandschaft. Mit seinen drei geplanten Elementen würde er eine nachhaltige Beschäftigung mit der Geschichte ermöglichen. Durch die Darstellung der deutschen Besatzung in unterschiedlichen Ländern werden die Besucher sich an einem Ort mit vielfältigen Opfergruppen, Tatkomplexen und Tätergruppen befassen und die europäische Dimension der Geschichte wahrnehmen können. Anders als in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo die Perspektive wesentlich auf die Verbrechen der Verwaltung bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden gerichtet ist, oder dem Denkmal für die ermordeten Juden, wo die Schicksale verfolgter jüdischer Familien aus Europa im Zentrum stehen, wird das Gewicht hier auf der Besatzung europäischer Länder liegen. Dadurch kann ein Bewusstsein geschaffen werden für die andauernden Verletzungen und die bleibenden Verunsicherungen vieler europäischer Gesellschaften im Umgang mit einer vermeintlich oder real zu selbstbewusst auftretenden deutschen Bevölkerung.

Die Erzählung der Entstehungsgeschichte wird ebenfalls eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen, weil dabei gleichzeitig auf den komplexen Weg des Umgangs mit der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte eingegangen werden muss. Am Denkmal, das auf das Dokumentationszentrum verweist werden Einzelgäste und Gruppen, die nach dem Erfahrenen und Gelernten der Opfer gedenken wollen, einen Ort für Zeremonien finden. So trägt schließlich auch dieses Element zur gelungenen Verbindung zwischen Dokumentieren, Lernen und Gedenken bei.

Dr. Elke Gryglewski ist stellvertretende Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

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