Polens Zweiter Weltkrieg

Von Stephan Lehnstaedt

Die deutsche Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg und die mit ihr untrennbar verbundenen Verbrechen werden seit über 75 Jahren intensiv erforscht. Doch die nationalen Aufmerksamkeitsökonomien sind in Polen und Deutschland gänzlich unterschiedlich gelagert und führen zu mehr oder minder getrennten öffentlichen Diskursen. So debattiert die Geschichtswissenschaft in Deutschland und auch in den angloamerikanischen Ländern seit etwa 20 Jahren die Kontinuitäten deutscher bzw. preußischer Polenpolitik vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus, wobei immer wieder auf angebliche Vorläufer bzw. Vorbilder Hitlers hingewiesen wurde. Doch was westlich der Oder eine anregende Kontroverse darstellt, löst auf polnischen Konferenzen nur ein Gähnen aus, zu offensichtlich erscheinen dort – auch aus der familiären Erinnerung heraus – die Unterschiede der deutschen Herrschaftsformen.

Anstatt die Ursachen für die Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus deutschen Traditionen zu erklären, liegt der Fokus dort auf dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939. Das Abkommen der beiden Diktatoren sah eine Aufteilung Osteuropas vor und sicherte Deutschland vor einem Mehrfrontenkrieg ab. Die Kriegsvorbereitungen selbst waren zu diesem Zeitpunkt schon nahezu abgeschlossen; für Hitler hing der Angriff auf Polen nicht von Stalin ab, sondern war ein längst entschiedenes Vorhaben: Lediglich den ursprünglichen Termin vom 26. August verschob er um wenige Tage.

Die polnischen Interpretationen dieser Sachverhalte stellen auf ganz andere Dinge ab. Dabei geht es weniger um die deutsche Alleinverantwortung als vielmehr um die Tatsache, dass sich die beiden Erbfeinde Deutschland und Russland einmal mehr gegen das zwischen ihnen liegende Polen verbündeten und Westeuropa nichts dagegen tat. Über die Politik der Sowjetunion, die am 17. September in Ostpolen einmarschierte und bis Juni 1941 ebenfalls als brutaler Besatzer herrschte, wird ähnlich intensiv geforscht wie über die des nationalsozialistischen Deutschland. Von den Sowjets wurden mindestens 150.000 Polen ermordet, dazu kommen weitere Hunderttausende, die von Raub, Umsiedlungen und anderen Formen der Verfolgung betroffen waren.

Zugleich erfährt der Totalitarismus als wissenschaftliche Analysekategorie eine populistische Aufwertung, indem er auf die aktuelle Außenpolitik und vorgebliche deutsch-russische Kooperationen zum Nachteil Polens – etwa die Ostseepipeline Nord Stream II – übertragen wird. Die aktuelle Gedenkpolitik in Polen, und allgemein im östlichen Europa, postuliert eine doppelte und doppelt gleiche Leidensgeschichte unter nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft.

In Deutschland sind diese Sachverhalte weitgehend unbekannt und interessieren die Öffentlichkeit – wohl aufgrund der eigenen Täterschaft – wenig. Doch auch die Kenntnisse über den „Polenfeldzug“ 1939 sind als eher gering einzuschätzen, selbst wenn sich in der Wissenschaft Jochen Böhlers Deutung vom „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ durchgesetzt hat. Alleine die Einsatzgruppen ermordeten in den ersten Monaten des Krieges etwa 60.000 Menschen, wobei zunächst hauptsächlich ethnische Polen unter den Opfern waren. Wie bei den Sowjets galt das nationalsozialistische Vorgehen zunächst der Ausschaltung einheimischer Eliten und trug nicht von ungefähr den Namen „Intelligenzaktion“. Hervorzuheben ist dabei die Kooperation deutschstämmiger Polen, die vorzugsweise im „Volksdeutschen Selbstschutz“ organisiert und gerade im Westen des Landes aktiv waren.

Geplant war zwar das Ende der polnischen Nation, nicht aber eine vollständige Vernichtung der Polen: Tatsächlich wurden während des Kriegs keine Überlegungen in dieser Hinsicht angestellt. Allerdings war in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus völlig klar, dass eine slawische Bevölkerung höchstens die Rolle von Knechten für die deutschen Siedler im Osten einnehmen durfte: Das waren die Ideen vom „Lebensraum“ im Osten und einer „Germanisierung“ bis hin zum Ural, die der „Generalplan Ost“ pseudowissenschaftlich vortrug. Alleine aus dem sogenannten Warthegau wurden mindestens 280.000 Menschen ins Generalgouvernement verschleppt. Zu nennen sind außerdem die „Aktion Saybusch“ und insbesondere die „Aktion Zamosc“, ein exemplarischer Versuch der „Germanisierung“ auf einem relativ kleinen Gebiet um die gleichnamige Stadt im Südosten Polens mit über einhunderttausend Deportierten.

Es gibt kaum einen Tatkomplex deutscher Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, bei dem ethnische Polen nicht einen großen Teil der Opfer ausmachten. Etwa 1,9 Millionen Polinnen und Polen wurden zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt, darunter 300.000 Kriegsgefangene; weitere Hunderttausende waren in ihrer Heimat eingesetzt. Die wirtschaftliche Ausplünderung und der Hunger der Bevölkerung nahmen dramatische Folgen an: Die offiziellen Nahrungsmittelrationen erreichten im Generalgouvernement 1944 die Hälfte der Menge, die bei überwiegend sitzender Tätigkeit benötigt wird. In den anderen Jahren lagen sie noch darunter, 1941 und 1943 etwa bei rund 850 Kalorien pro Tag.

Infolge direkter Gewaltanwendung starben die Menschen in Konzentrationslagern wie Majdanek oder Auschwitz – alleine dort waren etwa 80.000 ethnische Polinnen und Polen unter den Toten – oder bei der Widerstandsbekämpfung. Was die Deutschen als „Bandenkampf“ bezeichneten, war freilich weniger das Vorgehen gegen tatsächlich bewaffnete Partisanen als vielmehr die unterschiedslose Vernichtung ganzer Dörfer und ihrer Einwohner. Mindestens 769 Weiler und Dörfer wurden zerstört, die Opferzahl dieser „Pazifizierung“ liegt zwischen 35.000 und 40.000.

Darin sind die Toten des Warschauer Aufstands vom Sommer 1944 nicht enthalten: Nach 63 Tagen erbitterter Kämpfe in der Hauptstadt waren mindestens 150.000 Opfer zu beklagen, davon alleine 30.000, die Deutsche unter dem Befehl von Heinz Reinefarth im Stadtteil Wola zwischen dem 5. und 7. August massakrierten. Zu diesen zivilen Toten kamen etwa 15.000 getötete Kämpfer der aufständischen Armia Krajowa (Heimatarmee), die oftmals als reguläre Kombattanten und dann auch als Zivilisten behandelt wurden.

Eine nochmals tödlichere Form nahm die nationalsozialistische Judenpolitik an. Doch sogar sie zielte im besetzten Polen zunächst nicht auf einen Genozid ab. Die Ghettoisierung fand statt, um eine Separation von jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung zu erreichen, nicht zuletzt, weil die Juden als notorische Krankheitsträger, ja als personifizierte Krankheit galten. Die weitere Entwicklung war regional unterschiedlich und zeigt deutlich den Spielraum der deutschen Regionalinstanzen. Gerade weil sich Ideen wie eine komplette Umsiedlung der Juden angesichts des fortdauernden Krieges als unrealistisch erwiesen, entwickelten sich verschiedene Ansätze zu einer wirtschaftlichen Ausbeutung, die auf eine „Produktivierung“ der Ghettos – einen Arbeitszwang für deren Insassen – hinausliefen. Zugleich sollten die Juden möglichst wenig Lebensmittel verbrauchen, damit mehr für den Export nach Deutschland übrig blieb. Hunger gehörte zu den deutschen Besatzungszielen, was wiederum zu Seuchen führte, sodass alleine im Warschauer Ghetto vor dem Einsetzen der Deportationen von mindestens 90.000 Toten auszugehen ist.

Doch selbst aus nationalsozialistischer Logik kann von einem rationalen Vorgehen keine Rede sein. Bei all den widerstreitenden Interessen obsiegte im Frühjahr und Sommer 1942 die SS, die auf den Massenmord drängte. Im Warthegau war zu diesem Zweck bereits das Vernichtungslager Kulmhof entstanden (150.000 Ermordete), dazu kamen bald die unter der Verantwortung von Odilo Globocnik stehenden „Aktion-Reinhardt“-Lager Belzec (470.000), Sobibor (180.000) und Treblinka (900.000 Ermordete). Zu diesen Toten kommen diejenigen, die bei den Ghettoräumungen erschossen wurden oder in den Deportationszügen starben.

An jenen Orten war der Anteil der nicht aus Polen stammenden Opfer vergleichsweise gering, anders als im Falle von Auschwitz-Birkenau, wo von den etwa 960.000 jüdischen Toten rund 650.000 nicht aus Polen kamen. Über 200.000 jüdische und nichtjüdische Häftlinge haben die verschiedenen Lager in Auschwitz wieder verlassen – viele von ihnen starben in Außenlagern, auf Todesmärschen usw. –, aber dennoch konnten Tausende darüber berichten, während den Lagern der „Aktion Reinhardt“ lediglich etwa 150 Menschen entkamen. Ihre Stimmen finden wenig Gehör.

In kommunistischer Zeit gab die Propaganda die Gesamtzahl von insgesamt sechs Millionen ermordeten Einwohnern Vorkriegspolens aus, weil damit explizit die Parität jüdischer und nichtjüdischer Opfer verbunden war. Dieses wirkmächtige Narrativ wird bis heute gepflegt, zwar nicht offiziell von staatlicher Seite, aber es bleibt unwidersprochen und wird gerne angenommen. Die geschichtspolitische Implikation von drei Millionen ermordeten ethnischen Polen ist durch die Fakten jedoch nicht gedeckt, lediglich die Zahl von 2,9 bis 3 Millionen getöteten polnischen Jüdinnen und Juden hat Bestand.

Das Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau hat 2009 eine Gesamtschätzung aller Toten aus Polen in den Grenzen von 1939 vorgelegt, wonach zwischen 5.470.000 und 5.670.000 Menschen von den Deutschen ermordet wurden. Auszugehen ist von 1,55 Millionen ermordeten ethnischen Polen; weitere 100.000 Polen wurden durch ukrainische Nationalisten mit stillschweigender Duldung der deutschen Besatzer ermordet. Die Toten anderer Ethnien in Polen – etwa Belarussen, Litauer und Ukrainer (von denen wiederum etwa 40.000 durch polnische Nationalisten getötet wurden) – betragen annähernd eine Million, darunter nicht zuletzt 50.000 Roma sowie 60.000 Angehörige der deutschen Minderheit.

Eine Debatte über die polnische Beteiligung am Holocaust wird in Polen seit Jan Gross’ 2001 erschienenem Buch über die „Nachbarn“ im ostpolnischen Jedwabne, die 340 ihrer jüdischen Mitbürger beim deutschen Einmarsch 1941 in einer Scheune verbrannten, erbittert geführt. In den staatlichen Museen sind kritische Perspektiven zum polnischen Verhalten nicht präsent. Das zentrale Narrativ ist das vom Widerstand als kollektiver nationaler Tat – etwa im Museum des Warschauer Aufstands, das 2004 als erstes der inzwischen wie Pilze aus der Erde schießenden neuen Geschichtsmuseen eröffnete; es ehrt die fast 400.000 Angehörigen der Armia Krajowa, der größten Widerstandsorganisation des Kontinents. Die Zelebration von Heldenmut geht hier einher mit einer Verdammung des kommunistischen Untergrunds sowie der Sowjetunion, die den Aufständischen eine eigentlich ungewollte Hilfe bei der Selbstbefreiung tatsächlich nicht gewährte.

Dr. phil. habil. Stephan Lehnstaedt ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin.

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