Erinnerung und Aufklärung – das Beispiel Dachau

Von Barbara Distel

Die wichtigste Erfahrung aus der Gedenkstättenarbeit, die in ihren Anfängen weitgehend den Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft überlassen blieb, weil die Mehrheit der Deutschen sich ungern erinnern wollte, besteht in der Erkenntnis, dass Aufklärung eine zentrale Aufgabe ist. Das lässt sich am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Dachau zeigen, die sich mit der Aura des authentischen Ortes und getragen von der Authentizität der Überlebenden zu einem Dokumentationszentrum historischer Fakten entwickelt hat. Die Dachauer Häftlingsgesellschaft bestand aus Angehörigen von mehr als 50 Nationen. Sie versteht, nach der Befreiung im internationalen Dachau-Comitee organisiert, die Erinnerung als Vermittlung von Wissen im Geist europäischer Gemeinsamkeit und hat an die Stelle von nationalstolzem Patriotismus Aufklärung als Projekt internationaler Solidarität gesetzt.

Als am 22. März 1933 die ersten einhundert politischen Gefangenen in das neu eröffnete Konzentrationslager nach Dachau gebracht wurden, konnte niemand ahnen, dass bis Frühjahr 1945 mehr als 200.000 Gefangene aus allen Ländern Europas an diesen Ort und seine Außenlager verschleppt wurden. Mindestens 45.000 von ihnen kamen dort zu Tode. Der Weg von der deutschen zur internationalen Häftlingsgesellschaft begann im Frühjahr 1938 mit der Einlieferung der ersten österreichischen Gefangenen. In den folgenden Jahre spiegelte ihre Deportation den Verlauf der nationalsozialistischen Gewaltpolitik und des Kriegsgeschehens wider. Ab Sommer 1944 erreichten schließlich Häftlinge aus den Lagern und Ghettos Mittel-und Osteuropas das KZ Dachau, die zu Tausenden vor dem Eintreffen der Roten Armee in Richtung Westen evakuiert wurden. Gleichzeitig trafen Häftlinge aus den im Westen gelegenen Lagern ein, die vor Ankunft der westlichen alliierten Truppen geräumt wurden. Katastrophale Überfüllung, mangelnde Ernährung und der Ausbruch von Epidemien ließen die Todesrate sprunghaft ansteigen.

Zum Zeitpunkt der Befreiung befanden sich etwa 67.000 Gefangene im Konzentrationslager Dachau und seinen Außenlagern. 27 Nationen waren mit vielen Gefangenen vertreten, 28 weitere Nationen durch kleine Gruppen oder Einzelpersonen.

Die Schicksale der Überlebenden nach 1945 waren so unterschiedlich und vielfältig wie ihre Verfolgungsgeschichten. Sie wurden entscheidend durch ihre nationale Herkunft bestimmt. Auch ihre Mitwirkungsmöglichkeiten an der Bewahrung der Erinnerung waren abhängig von ihrem Nachkriegsschicksal. Die jüdischen Überlebenden aus Osteuropa, deren Familien und Freunde ermordet und deren Besitz geraubt worden waren, wollten zumeist nicht in ihre alte Heimat zurückkehren, aber auf alle Fälle Deutschland den Rücken kehren, mussten jedoch in Camps für „Displaced Persons“ oft jahrelang auf eine Möglichkeit zur Auswanderung warten. Es dauerte Jahrzehnte, bis im Laufe der 1980er-Jahre Kontakte zwischen deutschen Gesprächspartnern und jüdischen Dachau-Überlebenden in Israel entstanden und sich ein Dialog über die Erinnerung an die Opfer und die Vermittlung der Geschichte an die nachfolgenden Generationen entwickeln konnte.

Die westeuropäischen KZ-Überlebenden wurden nach ihrer Heimkehr zumeist hoch geehrt und in das politische und kulturelle Leben integriert. Viele von ihnen spielten in den Nachkriegsjahren eine bedeutsame Rolle in Politik, Wissenschaft und Kultur ihres Landes. Ausnahmen bildeten Griechenland, wo der Bürgerkrieg und seine Folgen über Jahrzehnte hinweg die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen verhinderten, und Italien, wo die Überlebenden eine Gesellschaft vorfanden, die in ihrer Einschätzung der Rolle Italiens während der Jahre des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs tief gespalten war. Deutsche und österreichische KZ-Überlebende kehrten in eine Gesellschaft zurück, deren Mehrheit die Diktatur bis zum Ende mitgetragen hatte und die für lange Zeit nichts hören wollte von Schuld und Verantwortung oder vom Schicksal der Opfer.

Von den osteuropäischen Überlebenden hatten die Häftlinge mit sowjetischer Staatsbürgerschaft das schlechteste Los gezogen. Es waren entweder Soldaten der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, oder vor allem Kinder und Jugendliche, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland und schließlich ins Konzentrationslager verschleppt worden waren. Nach der Befreiung wurden alle sowjetischen Bürger zwangsweise in ihre Heimat zurückgeführt, wo sie als Überlebende eines deutschen Konzentrationslagers zunächst generell der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt wurden. Sie wurden auf vielfältige Weise weiterhin diskriminiert, nicht selten erneut inhaftiert oder zur Zwangsarbeit gezwungen. Über die leidvollen Erfahrungen, die sie im Konzentrationslager Dachau machen mussten, konnten sie erst ein halbes Jahrhundert nach ihrer Befreiung sprechen, als die Sowjetunion nicht mehr existierte. Erst dann wurde auch ihr Schicksal Teil des Erbes der Häftlinge des KZ Dachau.

Es waren die deutschen politischen Gefangenen, die nach der Befreiung des KZ Dachau für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen vor Ort und die Aufklärung über die KZ-Verbrechen kämpften. Sie genossen die Unterstützung ihrer Mitgefangenen aus anderen Ländern Europas, nachdem sich im Jahr 1955 ein bereits in der Schlussphase im KZ Dachau geheim gegründetes Internationales Häftlingskomitee erneut zusammengefunden hatte. Ziel dieser Vereinigung war es, auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers Dachau eine Gedenkstätte zu errichten. Es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis dieses Projekt verwirklicht werden konnte: Zum zwanzigsten Jahrestag der Befreiung wurde im Mai 1965 die KZ-Gedenkstätte Dachau mit einer großen Dokumentarausstellung nach den Plänen des Internationalen Dachau-Komitees eröffnet und in die Obhut des Freistaats Bayerns übergeben. Zwei Faktoren hatten die Schaffung eines internationalen Erinnerungsorts stark erschwert: der kurz nach der Befreiung einsetzende Kalte Krieg, der die persönlichen Verbindungen zu den Überlebenden der Länder Süd-, Mittel- und Osteuropas vollständig abschnitt oder zumindest massiv einschränkte, sowie Desinteresse und Ablehnung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen. Erst ein Generationswechsel führte im Laufe von Jahrzehnten zu einer veränderten Haltung in Politik und Öffentlichkeit.

Als zu Beginn der 1960er-Jahre die erste Dauerausstellung für die Gedenkstätte Dachau erarbeitet wurde, gab es so gut wie keine Forschung zur Geschichte des nationalsozialistischen KZ-Systems. Schriftliche Quellen waren entweder noch vor der Befreiung von den Tätern vernichtet worden oder in alle Welt verstreut. Vorwiegend aus den Unterlagen, die ab Herbst 1945 für Prozesse gegen NS-Täter vor internationalen Militärgerichten zusammengetragen worden waren, ergänzt durch Erfahrungen und Zeugnisse der ehemaligen Inhaftierten, wollten engagierte Einzelpersonen und vor allem Überlebende jungen Besuchern den Weg vor Augen führen, der 1933 zur Errichtung des KZ Dachau und von dort nach Auschwitz in die Katastrophe geführt hatte. Im Jahr 1968 wurde dann – ebenfalls unter Federführung des Internationalen Dachau Komitees – auf dem ehemaligen Appellplatz ein Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Dachau errichtet. Es spiegelt das Bemühen der Überlebendengemeinschaft wider, das Leiden der Opfer sowie die Vielfalt der betroffenen Nationen sichtbar zu machen. Die Vielfalt der unterschiedlichen Opfergruppen war damals noch nicht Teil des Erinnerungsdiskurses und findet sich deshalb auch nicht in der Gestaltung des Mahnmals des jugoslawischen Künstlers Nandor Glid.

Seit der Eröffnung der Gedenkstätte in Dachau sind mehrere Jahrzehnte vergangen. Heute ist die Geschichte des Systems der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager, der Ermordung der Juden Europas intensiv erforscht. Allerdings richtete sich das Interesse der deutschen Zeitgeschichtsforschung immer in erster Linie auf das Schicksal der deutschen und dann der westeuropäischen Opfer. Betrachtet man wiederum das Beispiel des KZ Dachau, so ist das Wissen über die größten Opfergruppen Mittel- und Osteuropas – Polen, sowjetische Staatsbürger (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Bürger der baltischen Staaten), Ungarn, Tschechen und Slowaken und Bürger Jugoslawiens – hierzulande noch immer gering. Es gibt nur wenige deutsche Übersetzungen der Forschungs- und Erinnerungsliteratur aus diesen Ländern, und so ist die Geschichte sowohl der Einzelschicksale der Verfolgten wie der Folgen für die Bevölkerung der betroffenen Staaten kaum bekannt. Über die allermeisten der mehr als 200.000 Gefangenen, die in Dachau registriert wurden, weiß man bis heute nichts, was über die von den Tätern fixierten Daten hinausgeht.

In der Bundesrepublik Deutschland sind die Gedenkstätten an Orten der Verbrechen inzwischen gesellschaftlich und politisch anerkannte Einrichtungen der Erinnerung und Geschichtsvermittlung. Sie sind integrierter Teil der Schul- und Erwachsenenbildung geworden, an denen nicht zuletzt das Vermächtnis der Überlebenden an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden soll. Die überlebenden Zeugen hofften, die Erinnerung an die Verbrechen für die Zukunft zu sichern.

Wie kann es zukünftig gelingen, dass vor allem junge Menschen lernen, Lügen und Falschinformationen zu durchschauen, deren Verbreitung in der digitalisierten Welt mit rasender Geschwindigkeit zunimmt? Es ist die Aufgabe von Politik, Öffentlichkeit und Gedenkstätten, ihnen zu zeigen, dass sachliche Aufklärung und Vermittlung von Faktenwissen, das auf seriöser Forschung beruht, wichtiger als kurzlebige und oft falsche Darstellungen in den sozialen Medien sind.

Als der kommunistische Häftling Adolf Maislinger im Konzentrationslager Dachau den belgischen Philosophen Bob Classens, der aus einer wohlhabenden Familie stammte, fragte: „Ich weiß, warum ich im KZ bin, aber warum bist Du hier?“, antwortete dieser: „Ja weißt Du denn nicht, dass Erkenntnis verpflichtet?“

Erkenntnis, die zu verantwortlichem Handeln führt, kann nur aufgrund von Wissen entstehen. Dazu gibt es keine Alternative.

Dr. h.c. Barbara Distel war von 1975 bis 2008 Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

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